Badische Zeitung vom 18.04.2008

Falsche Schlange von Alan Ayckbourn

Temporeich inszeniert und mit viel Spielfreude umgesetzt, wird daraus ein überraschender Theaterabend. Was kann man mehr wollen?

(Heidi Ossenberg, BZ)

Oh, ja, Schwestern können sehr verschieden sein! Selbst, wenn sie gemeinsam in einem Haus aufgewachsen sind und die selbe Erziehung genossen haben. Umso spannender, ja abgründiger kann das schichtweise Häuten der Charaktere sein, das Alan Ayckbourn in seinem 2002 uraufgeführten, jetzt am Freiburger Wallgraben-Theater gezeigten Drei-Frauen-Stück "Falsche Schlange" so überaus kunstvoll beschrieben hat.

Annabel und Miriam sind so ein Schwesternpaar, das unterschiedlicher kaum sein könnte. Annabel (Regine Effinger), die ältere, ist eine modisch-elegant auftretende, gradlinige, selbstbewusste, starke Frau, die schon früh das Elternhaus verlassen hat, weil sie sich nie mit dem strengen, sturköpfigen Vater verstanden hat. Bis nach Tasmanien ist sie geflüchtet, dort hat sie ein Geschäft aufgebaut, geheiratet und sich wieder getrennt. Mehr als 30 Jahre ist sie nicht im Elternhaus in England gewesen - wozu auch?

Miriam (Sybille Denker) hingegen hat all die Jahre genau dort ausgeharrt. Das naiv und leicht trampelig wirkende Blondchen war dem Vater und einer gewissen Tante Gwen ein gutes Kind; freilich hat sie weitgehend versäumt, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Nun treffen die Schwestern erstmals als Erwachsene zusammen, drei Wochen nachdem der Vater gestorben ist. Überraschenderweise hat Annabel Haus und Vermögen geerbt, Miriam, die ihn versorgt hat, ist leer ausgegangen.

Dies scheint die Ausgangslage in dem Kriminalstück zu sein, das sich in der Regie von Peter W. Hermanns bis zur Pause als manchmal fast zu laute, flapsige Boulevardkomödie tarnt. Doch Vorsicht! Der Zuschauer sollte sich an diesem Abend lieber nicht auf das verlassen, was er hört und sieht. Zunächst kaum merkbar, dann mit immer mehr Nachdruck und Tempo nimmt die Geschichte ihren Lauf, nehmen die Dialoge an Schärfe zu, bilden sich unheilvolle Allianzen, macht sich das Grauen in der Idylle breit.

Als Annabel eintrifft, ist es im Garten noch sonnig und hell - wie sehr soll das immer diffuser, immer dunkler werdende Licht später die Atmosphäre hier vergiften. Die Rückkehr in die alte Heimat scheint Annabel einigermaßen außer Fassung zu bringen - Haus und Grund sind heruntergekommen, die Schwester ist nicht da, dafür wartet die noch zu Lebzeiten des Vaters gefeuerte Krankenschwester Alice (Gabriele Zink) auf Annabel und erzählt ihr eine schier unglaubliche Geschichte: Alice behauptet, Miriam habe den Vater umgebracht. Zum Beweis zeigt sie die Kopie eines Briefes des Vaters, der das schlimme Ende kommen sieht. Nun will Alice 100 000 Pfund dafür, dass sie diese Wahrheit, die Miriam unweigerlich ins Gefängnis bringen wird, nicht der Polizei verrät. Das Wiedersehen der Schwestern gestaltet sich nach dieser Eröffnung laut und hysterisch - erneut scheinen sich die beiden unterschiedlichen Charaktere vor den Augen der Zuschauer zu entpuppen: Annabel ist genervt, bewahrt aber Contenance; Miriam kreischt und weint. Und gibt die entsetzliche Tat zu.

Als Alice das finanziell deutlich abgespeckte Angebot der Schwestern empört zurückweist, muss sie dafür bezahlen. Gabriele Zink sorgt mit ihrer fast zirkusreifen Darstellung als vergiftetes Opfer für einen Höhepunkt des Abends - doch auch hier sollte der Zuschauer nicht glauben, die Trickkiste der erpressenden, rachsüchtigen, verlogenen und verletzten Frauen sei bereits ausgeschöpft. Mit stillem Bedauern belässt es die Rezensentin bei diesen vagen Andeutungen. So viel noch: Auch Sybille Denker und Regine Effinger bekommen nach der Pause noch Gelegenheit, ihren Figuren die Haut Schicht für Schicht abzuziehen. Was sich darunter befindet, ist wundgescheuertes, nacktes, pralles Leben. "Die uns allein gelassen haben, denen wollen wir wehtun" , sagt diejenige, die dem Stück seinen Namen gab: "Falsche Schlange" . Temporeich inszeniert und mit viel Spielfreude umgesetzt, wird daraus ein überraschender Theaterabend. Was kann man mehr wollen? (Heidi Ossenberg, BZ)


Badische Zeitung vom 07.03.2008

"Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von Edward Albee

Mit diesem Schauspielerpaar unbedingt sehenswert!

(Stefan Tolksdorf, BZ)

Lieben sie sich noch, und haben sie sich je geliebt? Wer am Sinn und Zweck der Ehe zweifelt, bekommt von diesen fatalen Sparrings-Partnern das letzte K.o.-Argument geliefert - und darf sich bei "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" aufs beste und böseste unterhalten. Die anderen dürfen sich freuen, von diesem Punkt (hoffentlich noch) weit entfernt zu sein. Rot ist die Bühne, des Freiburger Wallgraben- Theates, feuerrot. Nur das Curacao- Blau der pompös gestaffelten Alkoholika im Hintergrund setzt eine kühle Nuance: Feuer und Eis.

Zwischen diesen Polen eskaliert der Ehekrieg von Marta und George in einem Collegestädtchen irgendwo weit abseits vom "American Dream", kommt es zu einem mehr oder minder infantilen Hauen und Stechen um das Motiv eines verballhornten Kinderlieds: "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" Das gleichnamige Kammerstück des US-amerikanischen Dramatikers Edward Franklin Albee - 1962 uraufgeführt, und bisher sein bestes - ist spätestens seit der Verfilmung mit dem genialen Duo Elizabeth Taylor und Richard Burton zum Synonym der Ehehölle geworden. Ein Bühnenklassiker, der seinem Autor, der am kommenden Mittwoch 80 Jahre altwird, saftige Tantiemen einspielt.

Anatol Preissler inszeniert den brillanten Dauerbrenner jetzt in Idealbesetzung: Die sphinxhafte Regine Effinger gibt die ihre Aggressivität stetig steigernde Martha, ihr Bühnen- und Lebenspartner Hans Poeschl den lustvoll zumSchlappschwanz degradierten, schließlich zum finalen Schlag ausholenden Gatten George - in Haltung und herrlich zerquältem Gestus unweigerlich an Richard Burton erinnernd. Sarah-Jane Jansen und Otto Beckmann als jugendliche Partygäste und Pendant zumalternden Ehepaarwirken dagegen zunächst leicht hölzern, finden nach der Pause aber mühelos in die ihnen bestimmten Schlachtopferrollen (George: "Man braucht ein Schwein, um die Trüffel zu finden"). Wenn der Part des Alkohols schon rein optisch nicht zu unterschätzen ist, darf der mal schallend lachende mal betreten schweigende Zaungast dieses Ehedramas doch davon ausgehen, dass es sich - so oder anders - ständig wiederholt. Denn nur als pointensichere Tragikomödie ist den beiden das Zusammenleben überhaupt noch erträglich (George: "Martha und ich trainieren unseren Verstand").

Diese böse Freude am sarkastischen Schlagabtausch kosten die beiden Hauptdarsteller nach Kräften aus, so dass die Funken nur so fliegen. Dabei steht hinter ihren Figuren kaum verhohlener Selbsthass: Martha, Tochter des College-Präsidenten, definiert sich allein über ihren Mann, einen frustrierten Geschichtslehrer, der ihre Erwartungen nicht zu erfüllen vermochte - und ertrinkt ihre Angst vor dem Alter imAlkohol. George hat seine Hoffnung auf eine Gegen-Existenz als Romanautor begraben und sieht sich auf die masochistische Eherolle reduziert - nur als wortgewandter Sarkast und als Erfinder eines gemeinsamen Sohnes hält er die Fäden noch in der Hand. Doch auch die nächtlichen Gäste, der gut gebaute Biologiedozent Nick und seine heillos naive Frau, genannt Schatzi, bersten förmlich vor Neurosen - auch ihre Ehe basiert auf Verlogenheit. Schnell geraten sie von zufällig ausgewählten Zuschauern zu Mitakteuren jener Zimmerschlacht, die am Ende nur Verlierer kennt. Sind die ausgefeilten Verletzungsorgien nur Rituale gegen die tödliche Selbsterkenntnis und mörderische Langeweile zu zweit - verdrängte Todesangst? Von alldem spricht Regine Effingers Gesicht. Neben sarkastisch funkelndem Wortwitz liegt die Stärke dieses Stücks in seiner Irritationskraft: Wahrheit und Fiktion verschwimmen in den Dialogen zur Unkenntlichkeit. Was bleibt, ist der Schmerz darüber, dass es ein wahres Leben im Falschen nicht geben kann.


Badische Zeitung vom 09.11.2007

PingPong von Michael Frayn

Moderne Zeiten. Hätte Charlie Chaplin diesen Titel nicht schon für seinen 1936 uraufgeführten genialen industrialisierungskritischen Film verwendet, er würde auch zu der Komödie des Briten Michael Frayn passen, der jetzt im Freiburger Wallgraben-Theater Premiere hatte. Mensch und Technik - ein grundsätzlich ernstes Thema, das aber bei Frayn (Jahrgang 1933) so humorvoll zugespitzt wird, dass man gar nicht anders kann,

als sich zwei Stunden lang köstlich zu amüsieren.

In "Ping Pong" , wie das Stück nun tatsächlich heißt, erlebt der Zuschauer mittels sechs Einaktern die Quintessenz des alltäglichen Wahnsinns, den Anrufbeantworter, Telefonanlagen, batteriebetriebene Rauchmelder, elektronische Hotelschlüsselkarten oder bis zur Schmerzgrenze technisch verstärkte Musik in ihrem Leben auslösen.

"Pieeeep, Ping, Summmmm, Klingelllliing, Brummmm" - macht die Technik. Die beiden Ehepaare, die zusammen gekommen sind, um einen netten Abend bei Wein und Ofengericht zu verbringen, sind der nervtötenden Geräuschkulisse nicht gewachsen. In klassischer "Tür-auf-Tür-zu" -Manier eines Mini-Boulevardstücks, in dem es immer auf das punktgenaue Timing ankommt, agieren Regine Effinger, Gabriele Zink, Peter Haug-Lamersdorf und Martin Herse in ihren blau-roten Trainingsanzügen unter der Regie von Robert Klatt souverän konfus. Ein extrem mobiles Bühnenbild unterstreicht das, was die Gesellschaft heute neben technikbegeistert vor allem sein muss: mobil.

Erscheint die erste Szene vor allem deshalb so komisch, weil die Situation so übertrieben dargestellt wird, speist sich die zweite Szene aus einer realistischen Begebenheit: Bei einem offiziellen Anlass im Büro spricht der Chef, die stehenden Angestellten lauschen mit Sektglas und Teller in der Hand, Infomappe unter dem Arm. Nun sollen sie abwechselnd trinken, klatschen, blättern - ein Ding der Unmöglichkeit! Auf der Theaterbühne eine urkomische Slapstick-Turnübung die im Zuschauerraum mit schallendem Gelächter belohnt wird.

Allseits bekannt ? wenngleich wieder maßlos zugespitzt - die dritte Szene, in der ein Anrufbeantworter die Hauptrolle spielt - die eines Tyrannen wohlgemerkt! Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, dass man mittlerweile mehr Zeit mit den Anrufbeantwortern verbringt als mit ihren Besitzern? Temporeich, fast atemlos hat der Abend begonnen, nach der Pause geht es etwas ruhiger weiter. Erneut treffen zwei Paare aufeinander, die sich Wand an Wand in einem dieser ausstattungsmäßig austauschbaren Standard-Hotels einquartiert haben. Einzig das Badezimmer ist mal an der einen, mal an der anderen Seite des Raumes. In welchem Land man sich befindet? Das wissen die beiden Frauen nicht, schließlich hat der Ehemann die Urlaubsreise organisiert. Das Treffen der beiden Duos geht - erwartungsgemäß - nicht ohne Missverständnisse ab; die dünnen Wände und die nächtliche Jagd nach einer Mücke sorgen für Peinlichkeiten, die von den vier Schauspielern jedoch erneut so gemeistert werden, dass sie sich nicht bis in die Zuschauerreihen fortsetzt.

Zum Abschluss wird der Bogen zurück zur Eingangsszene geschlagen - der Zuschauer sieht, was vom Dinner for four nach der Schlacht mit dem ständig im falschen Zimmer klingelnden Telefon, dem Rauchmelder, dem Folterinstrument Korkenzieher und der Autoalarmanlage übrig geblieben ist. Viel ist das nicht. Herzlicher Beifall. (Heidi Ossenberg)


Pressestimmen vom 28.09.2007

Heinrich VIII von Bea v. Malchus

"..Persiflage, sparsam eingesetzte Anachronismen und die Qualität ihrer saloppen Dialoge tun ein Übriges. Die Erzählwelt dieser blaublütigen Freiburgerin macht süchtig." BAZ

"..atemlose Stille im Saal. Da sage noch einer: Geschichte sei nicht spannend!" KULTURJOKER

"Mit Heinrich VIII. gelingt von Malchus die grandiose Umsetzung eines historischen Stoffes" HESSISCHER RUNDFUNK

"In ihrer Publikumsentführung an den Hof Heinrichs des Achten gelingt Bea von Malchus ein kleines Meisterstück. Eine spannende, berührende und witzige Geschichtsstunde, die man nicht so schnell vergisst." SÜDKURIER


Badische Zeitung vom 16.07.2007

Es war die Lerche von Ephraim Kishon

Romeo mit Wärmflasche, Julia in Lockenwicklern

Momo nennt sie ihn - doch die zärtliche Anrede täuscht. Längst schon ist Romeo nicht mehr der beste Ehemann von allen für Julia. 29 Jahre sind vergangen seit der heimlichen Trauung in Pater Lorenzos kleiner Kapelle in Verona. Und aus dem größten Liebespaar aller Zeiten ist ein gleichgültiges Ehe- und Elternpaar geworden. Er erwacht mit einer Wärmflasche im Arm, der er den Namen Lisa gegeben hat, sie mit spitzen Lockenwicklern in den Haaren, die nicht zuletzt ihre emotionale Distanz zu Romeo deutlich machen. So wollte es Ephraim Kishon, der Anfang der 1970er-Jahre "Es war die Lerche" als Fortsetzung zu und Satire auf Shakespeares "Romeo und Julia" schrieb. Unter der Regie von Heidemarie Gohde spielt das Wallgraben Theater Freiburg das "heitere Trauerspiel" in diesem Jahr im Rahmen seiner 32. Rathaushofspiele.

Viel ist passiert in diesen Ehejahren, auf die das Paar, gespielt von Regine Effinger und Till Kretzschmar, mit Spott und Ironie, aber auch mit einer gewissen Verzweiflung zurückblickt. Romeo ist Ballettlehrer geworden; das Geld, das er verdient, reicht so gerade zum Leben, nicht jedoch, um seiner verwöhnten Gattin eine angemessene Behausung und ein Dienstmädchen zu finanzieren. Und so muss Julia, die sich mit ihrer reichen Mutter verkracht hat, alleine den Haushalt führen - und sich zudem um die pubertierende 14-jährige Lucretia kümmern. Das Kind macht den zänkischen Eltern Sorgen, thematisiert es doch mit kindlicher Grausamkeit und Scharfsinn den Zustand ihrer Ehe: "Ihr könnt euch nicht leiden. Romeo und Julia - was wisst ihr schon von der Liebe?"

Einer, der meint, von Liebe alles zu verstehen, ist der eigentlich längst verstorbene Dichter William Shakespeare. Dass die Sache mit dem geplanten dramatischen Tod seines jugendlichen Traumpaares Romeo und Julia so gescheitert ist, treibt ihn aus seinem Grab zurück nach Verona: "Aus meinem schönsten Liebesdrama ist ein Possenspiel geworden" , klagt Shakespeare (Hans Poeschl) angesichts des verkrachten Paares. Kurze Zeit sieht es so aus, als ginge Shakespeares Plan, Romeo und Julia doch noch im Tode friedlich vereint zu sehen, auf. . .

Kishons Stück, 1974 in Tel Aviv uraufgeführt, eignet sich vorzüglich für einen heiteren Theaterabend - wenn auch die Slapstickeinlagen manchmal ein wenig dick aufgetragen sind. Die Dialoge sind so spitzzüngig wie komisch. Kishon hat Alltagssprache mit dramatisierter Kunstsprache à la Shakespeare gemischt und lässt seine Protagonisten nicht nur Zitate aus "Romeo und Julia" sondern ebenso aus "Hamlet" oder "Macbeth" sprechen.

Die vom Autor so konzipierten übertrieben emotionalen und theatralischen Charaktere finden in den Wallgraben-Schauspielern ihre überaus passenden Entsprechungen: Regine Effinger gibt eine ebenso temperamentvoll-zickige Julia wie eine überspannte Lucretia wie eine liebestolle alte Amme. Till Kretzschmar brilliert als sexuell frustrierter, geldgeiler Versager Romeo und setzt als tollpatschiger, lüsterner Pater Lorenzo noch eins drauf. Hans Poeschl scheint sich als Frauenversteher Shakespeare und Theaterdirektor manchmal etwas zu bremsen ? freilich nicht, als er nach der Pause so überzeugend quer über die Bühne stirbt, wie es keiner seiner tragischen Helden besser hätte tun können. (Heidi Ossenberg)


Badische Zeitung vom 30.05.2007

Gretchen 89 ff. von

"Jetzt lass die Figur weg!"

"Gretchen 89ff" im Freiburger Wallgraben Theater: Lutz Hübners satirischer Blick in die Regie

Man kennt ihn allzu gut, ja teilt ihn vielleicht insgeheim, den Stoßseufzer der alten gutsituierten Dame zu Beginn der Vorstellung: "Hoffentlich spielen sie?s so, wie?s ist!" Aber wie ist es denn nun eigentlich?

Mit dieser berechtigten Frage lässt Lutz Hübner seine fidele Nummernrevue aus dem Backstage-Alltag der deutschsprachigen Bühnen beginnen. Zum Beispiel: beim Faust 1, "Gretchen 89ff" - so der Titel des Stücks, das im Freiburger Wallgraben Theater derzeit einen wirklich amüsanten Abend verspricht. Gemeint ist die berühmte Szene, da Gretchen jenes Kästchen voll Geschmeide findet, mittels dessen Faust die Angebetete ködern will. Für die Vergesslichen flimmert vor Aufführungsbeginn die Szene noch einmal in Peter Gorskis legendärer Hamburger Inszenierung an der Längswand herunter: "Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles!" ? Ach ja! Doch wie soll besagte "Schlüssel" -Szene denn nun gespielt sein? Das hängt vornehmlich von den Temperamenten zweier Menschen ab: Regisseur und Aktrice. 80 Minuten lang werden nun acht Varianten dieser Konstellation durchgespielt, wobei - wen wundert's - ein je anderes Stück entsteht.

Es treten auf und in Konflikt: die Anfängerin und der Schmerzensmann, das geile Tourneepferd mit Wiener Schmäh, der notorische Streicher, der Goethes Szene auf drei Sätze runterkürzt, die zickige Diva, die den verunsicherten Regisseur aus dem Probenraum und beinahe zum Wahnsinn treibt, der heillos freudianisch Infizierte und die hyperintellektuelle feministische Dramaturgin, die mit einem arbeitslosen Gretchen vorlieb nehmen muss und an ihm die Geschlechtsumwandlung probt. Nun könnte ein derartiger Szenenreigen leicht ermüden, wäre nicht Lutz Hübner einer der erfolgreichsten deutschen Dramatiker mit sicherem Gespür für Wortwitz und obendrein ein so gewiefter Insider, dass man ihm die exzentrischsten Theaternaturen ohne Wimpernzucken abnimmt; und wären nicht die Rollen mit Claudia Sutter als kniefällige Debütantin, Johann Jakoby als behäbigem Wiener ("Wenn man's im Blut hat, spielt sich's von selbst!" ), Sybille Denker als wuselige Dramaturgin ("Jetzt lass die Figur weg!" ), sowie dem auch Regie führenden Hans Poeschl als verquastem Möchtegernrebellen ("fleischlich denken!" ) nicht derart ideal besetzt. Selbst der schüchterne Hospitant Daniel Séjourné macht in seinem Miniaturpart eine propere Figur. Gewiss, diese witzige Replik auf die versandete Regietheater-Debatte kommt auf leichten Füßen, etwas spät und ziemlich harmlos daher - doch dürften sich Freunde wie Skeptiker der Regiekunst bei diesem Blick hinter Vorhang und Kulisse so köstlich amüsieren wie mancher Schauspieler.

Dacapo! (Stefan Tolksdorf )


Badische Zeitung vom 05.04.2007

Einfach kompliziert von Thomas Bernhard

Im Reich der Mäuse

Thomas Bernhards "Einfach kompliziert" mit Heinz Meier am Freiburger Wallgraben Theater

Ein Schreibtisch, ein Bett, zwei Stühle und ein Schaukelstuhl. Durch ein Fenster fällt Licht in das schäbige Zimmer, in dem dunkles Holz dominiert und dessen Wände einen frischen Anstrich nötig haben. Auf dem Boden hockt ein alter Mann mit einem Hammer in der Hand. Die Fußleisten hat er zugenagelt, denn von dort aus dringen Mäuse in sein Zuhause vor. Das Reich des gealterten Schauspielers in Thomas Bernhards Drama "Einfach kompliziert" am Freiburger Wallgraben Theater ist längst nicht mehr die Bühne. Ist nicht mehr Bochum oder Duisburg, wo er einst den skrupellosen König Richard III. spielte. Der alte Mann ist Theaterprinzipal allenfalls noch im Reich der Mäuse, über deren Leben oder Tod er bestimmen wird. Die Welt und das Leben gehen ihm verloren ? 82 Jahre ist er alt und hat seine ganze Familie überlebt. Der Schauspieler, dessen Namen wir nicht erfahren, mit dem wir aber in 90 Minuten einen ganzen Dienstag verbringen dürfen, ist verbittert und einsam. Er streitet mit seiner vor 20 Jahren gestorbenen Frau, er hadert mit Shakespeare, Schopenhauer, Versicherungsvertretern und dem Hausmeister. In für Thomas Bernhard typischen kategorischen Behauptungen grenzt er sich vehement ab gegen die Außenwelt: "Beim Hosenbügeln der Schlag getroffen" , liest er aus einer Zeitung vor. "Ein lächerlicher Tod!" Diese Abgrenzung und die gleichzeitige Anmaßung des eigenen "Klarwasserfanatismus" rettet den Schauspieler vor seinem Untergang. Von Dienstag zu Freitag zu Dienstag ? denn nur an diesen Tagen tritt die Außenwelt in Gestalt einer Neunjährigen (fast ohne Text sehr ausdrucksvoll: Sophie Charlotte Carius) in sein Zimmer, die ihm frische Milch bringt. In der Uraufführung von "Einfach kompliziert" 1986 am Berliner Schillertheater spielte Bernhard Minetti die Rolle des Alten. Die Aufgabe eines Bernhard-Schauspielers, sagte Minetti einmal, sei es, dessen Personen "bis ins Detail in ihrer Menschlichkeit zu folgen" . Heinz Meier, der den alternden Schauspieler in der Wallgraben-Produktion verkörpert, tut genau dies. Der Bernhard-Kenner ist dabei so authentisch und in Mimik und Gestik so fein differenziert, dass es als Zuschauer schwer fällt, sich auf der Holzbank zu entspannen: Man könnte ja eine der kleinen und doch so präzise eingesetzten Handbewegungen verpassen, ein verschmitztes Lächeln, ein grimmiges Stirnrunzeln, ein kauziges Augenzusammenkneifen. Und dazu diese Sprache, die oft keine vollständigen Sätze braucht, um Atemlosigkeit, Erregung, Wut, Enttäuschung und Verletzung auszudrücken, um Alltäglichkeiten, Scham, Witz, Lebensfreude und Komik auszubreiten. Heinz Meier, Mitbegründer des Wallgraben-Theaters und langjähriger Prinzipal, schlüpft nicht einfach in eine Rolle: Der 77-Jährige ist dieser Schauspieler; es ist sein Abend! Die behutsame Regie von Regine Effinger unterstützt ihn vorbehaltlos. Sie lässt ihm den Raum, den er braucht, um in Filzpantoffeln das Zimmer zu durchmessen, um sich an den Schreibtisch zu klemmen, umständlich die Brille aufzusetzen und auf ein Stück Papier die Worte "Mausgift kaufen" zu malen, um sich die Shakespeare-Krone aufzusetzen ? und mit ihr die königliche Würde eines Schauspielers in seiner Rolle. Als Heinz Meier zum Ende des Stücks laut nachdenkt, wie er vor wenigen Jahren noch am "Ball der Alten" im Haus teilgenommen hat und dort mit Kostproben seiner Schauspielkunst "begeisterte" , da verschwimmen die Grenzen zwischen Stück und Realität gänzlich. Als Meier sich zum fast frenetischen Schlussapplaus verbeugt, scheinen seine Augen feucht zu glänzen. Auch Regine Effinger ist bewegt. Alle sind es.


Kultur Joker vom 01.04.2007

Der Liebhaber von Harold Pinter

Rendezvous zu viert

Beziehungskunst: Anatol Preissler inszeniert "Der Liebhaber" im Wallgraben Theater Wenn eine gute Beziehung vor allem eine Frage der Frustrationstoleranz ist, dürfte Richard eine ausgezeichnete Ehe führen. Denn die Neutralität, mit der er sich nach dem Rendezvous seiner Frau Sarah erkundigt, verlangt einiges an Selbstverleugnung. Der Mann schaut aufs große Ganze, von Eifersucht auf Sarahs Liebhaber keine Spur. Beispiele für die Rolle des Hahnrei und des betrogenen Ehemanns finden sich in der Dramenliteratur zuhauf. Doch bei Harold Pinters "Der Liebhaber" irritiert etwas. Die Ruhe der betrügenden Gattin scheint derart ungetrübt und die des Gatten durch kein Zornesgewitter gestört. Was Menschen zusammenhält, lässt sich also getrost ein Rätsel nennen. Der Alltag von Sarah und Richard ist in Routine erstarrt. Während er sich auf seinen Bürojob vorbereitet, pflegt sie das Heim. Wenn sie wackelig den Stuhl besteigt, um den Staub auf den Fensterrahmen zu wischen, wenn sie mit dem Mob den Boden putzt, hört man aus dem Radio den alten Schlager "Das bisschen Haushalt". Ihre mit mehreren Stühlen nur spärlich möblierte Wohnung, von deren großem Fenster der Sonnenuntergang zu beobachten ist, erzählt keine Geschichte ihrer Liebe, ihres Zusammengehörigkeitsgefühls. Sitzen sie abends mit einem Drink zusammen, suchen die Eheleute Distanz zueinander. Es ist ein Stellungskrieg, der nur auf den ersten Blick wie ein ausgewogenes Verhältnis wirkt, den Anatol Preissler im Freiburger Wallgraben Theater inszeniert. Sichtlich genießt Sarah (Johanna Bronkalla) den großen Auftritt im weit ausgeschnittenen schwarzen Kleid und den roten Pumps. Wenn sie die Schuhe immer noch trägt, als ihr Mann zum Abendessen nach Hause zurückkehrt, glaubt man kaum an ein Versehen. Den Ehemann an ihr zweites Leben zu erinnern, macht ihr Spaß. Und doch ist es komplizierter, sind doch Liebhaber und Ehemann identisch. Nach einigen Jahren haben sich die beiden das Arrangement einfallen lassen, der mittlerweile zehn Jahre dauernden Ehe durch ein derartiges Rollenspiel, das mit der Gefahr nur kokettiert, erotische Spannung zu geben. Es muss ihre Idee gewesen sein, denn Richard (Hans Poeschl) leidet zunehmend darunter. Den eigenen Mann, mit ihm selbst zu betrügen, ist höhere Beziehungskunst, aber möglich und rührt an Fragen der Identität. Und hier wäre es wirklich spannend geworden, hätte Anatol Preissler die misogynen Untertöne des 1961 uraufgeführten Dramas und seine erotischen Spiele ein wenig entstaubt. So herrscht Psychologie vor. Die Zuschauer, die mehrheitlich auch mindestens seit zehn Jahren verheiratet sind, werden Zeuge, wie Richard Sarah vernichtet. Die Geliebte erst gegenüber der Ehefrau Hure nennt, dann ihr durch das Adjektiv "knochig" jeden Reiz abspricht. Sarah, Ehefrau und Geliebte, ist gekränkt, kann ihren Mann, der einmal als kreuzbraver Ehegatte sich um die Stockrosen kümmert, als Liebhaber jedoch mit ihr lasziv und herausfordernd Tango tanzt, nicht verstehen, ahnt jedoch, dass sie ihn verlieren wird.

Dies geschieht in diesem solide inszenierten Kammerspiel, jedoch anders als erwartet. (Annette Hoffmann)


Badische Zeitung vom 01.03.2007

Der Liebhaber von Harold Pinter

Anatol Preissler inszeniert am Freiburger Wallgraben-Theater Harold Pinters Einakter "Der Liebhaber"

Was nur soll der Milchmann? Der Milchmann ist, technisch gesprochen, das Scharnier, in dem Harold Pinters 1963 uraufgeführtes Stück "Der Liebhaber" hängt. Bis der Milchmann klingelt, scheint die Geschichte ihren realistischen Gang zu gehen: Ein Mann und seine Frau haben das cool-pragmatisch ausgewogene Agreement getroffen, dass die Frau regelmäßig zur Teestunde ihren Liebhaber empfängt, wenn der Mann in seinem Büro der Hochfinanz dient, wofür sich der Mann bei einer Hure schadlos hält. Wenn der Milchmann gegangen ist, ohne seine Sahne losgeworden zu sein, kommt Verwirrung auf: Ist der Liebhaber, der ihm auf dem Fuß folgt und den die Frau "Max" nennt, nicht ihr eigener Gatte in der Rolle des krawattenlosen, erotisch enthemmten Lovers? Wird hier der Ehebruch mittels spielerischer Persönlichkeitsspaltung an den gängigen Rollenmustern entlang nur simuliert? Aber was heißt bei Pinter ("Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich und was unwirklich ist" ) schon "nur" ?

Im Freiburger Wallgraben-Theater, das den Einakter 1967 mit Ellinor von Landesen und dem als Liebhaber, wie die Badische Zeitung damals meinte, nicht recht überzeugenden Heinz Meier als aktuellen Beitrag zum zeitgenössischen Theater auf die Bühne brachte, versucht sich der junge Regisseur Anatol Preissler nun noch einmal an dem seit 2005 mit dem Literaturnobelpreis für seinen Autor geadelten "Liebhaber" in Zeiten, da ein eheliches Arrangement dieser Art die Gemüter weit weniger erregen dürfte als vor 45 Jahren. "Dass ich auf Knien meinem Schöpfer danken kann, wie gut ich's hab, sagt mein Mann" , dudelt es ironisch aus dem Radio, während Johanna Bronkalla mit Schürze überm kleinen Schwarzen (das Modehaus Kaiser hat für die Kostümausstattung gesorgt) gut gelaunt rhythmisch den Wischmopp schwingt: alles easy im abgeschiedenen Vorstadthaus von Sarah und Richard, das in Preisslers Bühnenbild vor allem aus einem je nach Stimmungslage farbig leuchtenden Fenster mit Jalousie besteht - man darf hier vielleicht kurz an Alain Robbe-Grillets Roman aus derselben Zeit denken, der sich die französische Doppelbedeutung von Jalousie (auch: Eifersucht) zunutze macht.

Die selbstbewusste, vor Vitalität strotzende junge Frau, die mit dem bisschen Haushalt keineswegs ausgelastet ist und heutzutage zweifellos einen Job hätte, hat, man sieht es gleich, die Sache - sprich: ihren Mann und ihre Ehe - voll im Griff. Hans Poeschl, seit Juni 2006 im Wallgraben-Leitungsteam, macht dagegen allein schon aus Gründen des Altersunterschieds einen leicht zerknitterten Eindruck. Der Mann , so scheint's, will wie viele Männer im gesetzten Alter am liebsten seine Ruhe und wäre im Grunde froh, dass seine Frau anderweitig beschäftigt ist - wenn nicht er selbst es wäre, der außer dem erfolgreichen Banker auch noch den Mann für gewisse Stunden geben muss: mit Altrockerlederjacke, Cowboystiefeln, rüder Machozigarettenanmache und Tangoausfallschritt (Choreografie: Anita Speiser) im tiefpurpurnen Widerschein: rot wie die Liebe, wie der Tod. Hans Poeschl beherrscht dieses Switching ebenso souverän und mit spürbarer Lust an der Verwandlung wie seine Partnerin, die sich mit knallroten Highheels lasziv auf dem Lederfauteuil räkeln und Minuten später wieder ganz die kontrollierte Ehefrau sein kann.

Es ist ein ziemlich gefährliches Spiel, das diese beiden da spielen - und der Mann ist derjenige, der irgendwann ausbrechen möchte aus den selbst gesetzten Regeln, die Doppelrolle nicht mehr aushält, den Job des Liebhabers kündigt und zugleich den Körper seines Begehrens verbal zernichtet ("Bist du bloß Haut und Knochen" ). Das klingt bei Pinter und auch im Wallgraben zunächst nur böse komisch, weil es nicht stimmt - wie die Inszenierung sich bis zu diesem Moment überhaupt leichtfüßig auf die ironische Seite geschlagen hat. Von dort bis zum Mord ist es für Anatol Preissler gleichwohl nur ein Schritt: Der Mann bringt nicht nur symbolisch die Geliebte (in seiner Frau), sondern seine Frau realiter um: aus Überforderung, aus Ratlosigkeit, wer weiß.

Vier Stühle räumt Poeschl in Reih und Glied neben die Totgeschossene. Vier Stühle für ein gescheitertes Paar. Ein eindrucksvoll lakonisches Bild. Bei Pinter allerdings spielen sie weiter. Und man weiß nicht: Ist es die Hölle oder das Paradies? (Bettina Schulte)


SWR2 Journal vom 28.02.2007

Der Liebahber von Harold Pinter

Wann spielen wir Theater, wann sind wir wir - im "Liebhaber" zeigt Harold Pinter, wie schnell wir uns verheddern können und wie leichtsinniges Spiel plötzlich existentielle Fragen aufwirft. Harold Pinter, der vor zwei Jahren den Literaturnobelpreis für sein Lebenswerk erhielt und mit heftiger Polit-Kritik aufwartete, gehört zu den ganz großen Dramatikern. Seine Stücke zeigen pinteresk verpackt Dramen unserer Zeit auf. So auch "Der Liebhaber". Im Wallgrabentheater in Freiburg war gestern Premiere. Sandra Helmeke war dabei.

"War dein Liebhaber heute da?" "Mhm" "Hast du ihm die Stockrosen gezeigt?" "Hmm". Sarah und Richard unterhalten sich genauso bemüht-gelangweilt über ihre Affairen, wie über das Wetter. Kein Wunder: der Parkwächter in Lederjacke, der Sarah beim Spaziergang verführt " ist in Wirklichkeit der verkleidete Richard. Die billige Hure, mit der sich Richard vergnügt in Wirklichkeit Sarah. Am Anfang ihrer Ehe mag das Rollenspiel noch aufregend gewesen sein, nach 10 Jahren ist es nur noch fad. Anstatt sich das einzugestehen entwickelt Richard plötzlich Eifersucht auf sein Alter-Ego. Er will Sarah den Liebhaber verbieten - ein kurioses Machtspiel zwischen Begehren und Abstoßung beginnt. Und es bleibt offen, ob es sie vielleicht nicht doch gibt - den Liebhaber / die Liebhaberin. Anatol Preissler inszeniert den Einakter mit viel Musik: Die Tigerlillys mit "Live is a bitch" oder Rammstein mit "Eifersucht" bringen die Gefühle zum Ausdruck, die das Ehepaar unter der gelangweilten Fassade versteckt. Dabei hat Hans Poeschls Richard erkennbar mehr Mühe, die Haltung zu bewahren, als die kühle Sarah, gespielt von Johanna Bronkalla. Zum Schluss brechen Überdruss und Verletztheit aus ihm heraus. Ein bitteres Vergnügen, dabei zu zusehen. Zuzusehen, wie die beiden scheitern in ihrem Bemühen, bürgerliches Dasein und Triebwelt miteinander zu vereinbaren.


Badische Zeitung vom 16.12.2006

"Dinner für Spinner" von Francis Veber

Christine Brochant ist ganz und gar nicht erfreut. Ihr Mann Pierre, der sich als Verleger in den besseren Pariser Kreisen bewegt, will trotz eines schmerzhaften Hexenschusses zu dem allwöchentlichen Abendessen mit Freunden gehen. Nicht nur mit Freunden, wohlgemerkt: Beim "Dinner für Spinner" bringt jeder einen sorgfältig ausgewählten Gast mit ? einen Trottel, auf dessen Kosten man sich köstlich amüsiert. Dass der Arzt Pierre dann doch verbietet aus dem Haus zu gehen, bekommt Christine ebenso wenig mit wie das Auftauchen des ausgewählten Idioten des Abends, François Pignon. Denn sie beschließt, die Marotten ihres arroganten Ehemannes nicht mehr mitzumachen und verlässt ihn. So turbulent beginnt die Komödie "Dinner für Spinner" von Francis Veber, die Robert Klatt mit feinem Gespür für Personenregie für das Freiburger Wallgraben Theater inszeniert hat. Und ebenso bunt, schrill und witzig geht es nun fast zwei Stunden lang weiter. Pignon erweist sich als wahrhaft schlichtes Gemüt mit der Lizenz, jedes noch so fern am Horizont aufscheinende Fettnäpfchen zu betreten. Zunächst geht er Pierre nur mit seiner Penetranz auf den Geist: Pignon nämlich ist überzeugt, dass Pierre ihn wegen seines rasend interessanten Hobbys eingeladen hat: Er bastelt Modelle aus Zündhölzern und sieht nun dank seines neuen Freundes seine Miniaturwerke schon in einem Buch verewigt. Dann steigert sich Pignon in die Rolle des verständnisvollen Möchte-gern-Kumpels hinein, der Pierre in seiner desolaten Situation (krank und nun auch noch verlassen!) helfen will. Pierre ist tatsächlich beunruhigt, dass Christine ihn so schnöde verlassen hat. Er und wähnt sie nacheinander bei ihrem Ex-Geliebten (seinem einst besten Freund Just Leblanc, dem er Christine ausgespannt hat) und, nachdem dieser in Pierres Wohnung auftaucht, bei einem stadtbekannten Schürzenjäger. Das 1993 uraufgeführte Theaterstück von Veber ("Ein Käfig voller Narren", "Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh") ist eine klassische Verwechslungskomödie, in der die Komik nicht etwa aus Zoten oder billigen Witzen generiert wird, sondern aus den rasend schnell wechselnden Situationen und feinen Dialogen. Die einzelnen Bühnenfiguren stehen bei Veber für Typen, die exakt so handeln, wie der Zuschauer es von ihnen erwartet. Klatt, der selber Pierres Freund Leblanc verkörpert, hat eine Riege Schauspieler zur Verfügung, auf die er sich absolut verlassen kann: Hans Poeschl gibt den Pierre als nicht gerade unsympathischen aber neureich-arroganten Schnösel, der immer mehr zum wahren Trottel der Geschichte mutiert. Peter Haug-Lamersdorf schlüpft akkurat-authentisch in die Rolle des spröden Finanzbeamten, Regine Effinger springt routiniert von der liebesenttäuschten Ehefrau zur schrill-überdrehten Ex-Geliebten von Pierre. Für Begeisterung sorgte bei der Premiere vor allem Götz Koch als spießig-trotteliger Gutmensch Pignon. (Heidi Ossenberg)


Pressestimmen vom 31.07.2006

Ein Bericht für eine Akademie von Franz Kafka

"Danke für diesen tollen Abend" (Amèlie Niermeyer)

"Ostrowski macht diese fast tragische Figur nicht nur sicht- sondern auch fühlbar!" (Bietigheimer Zeitung)

"Beeindruckender Auftakt der Kooperation zwischen Lucas und Ostrowski" (Badische Zeitung)


Badische Zeitung vom 02.05.2006

Das Maß der Dinge von Neil LaBute

Dirk Schröter inszenierte am Freiburger Wallgraben-Theater Neil LaButes Stück um Liebe und Formbarkeit

Was liebst du an anderen? Meine Hoffnungen? , heißt es in Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft. Doch die von der energischen Kunststudentin Evelyn betriebene Wissenschaft in der Liebeskunst ist zugleich eine formende und zurichtende. Nicht genug, dass sie mit Hilfe einer Sprühdose die im Museum der kleinen Universitätsstadt gezeigte männlichen Statue um ein unverzichtbares Körperteil ergänzen will ? der schüchterne junge Aufseher Adam erweist sich sogleich als ein viel lustvolleres Objekt der Formung, weil er statt aus Gips oder Marmor eben aus Fleisch und Blut besteht.

Ihre schrittweise Verwandlung des linkischen, scheuen und obendrein kurzsichtigen Anglistik-Studenten in einen selbstbewussten und gut aussehenden jungen Mann voller Ausstrahlung und Kraft könnte als schöner Erfolg der Menschlichkeit gelten, wäre da nicht die Vorspiegelung der Liebe, wo berechnender Zweck und das notwendige Bestehen einer Präsentationsprüfung die eigentlichen Triebfedern sind . . .

Dirk Schröter, der scheidende Spielleiter und Dramaturg am Freiburger Wallgraben-Theater, führt in dem ?Schauspiel? des US-Amerikaners Neil LaBute mit leichter Hand die erotischen Verwirrungen und Verwechslungen zweier junger Paare zusammen. Auch wenn die Qualität der Dialoge leider immer wieder auf das Niveau billiger amerikanischer Vorabendserien absinkt (einige Streichungen hätten dem Werklein gut getan), bringt der stets spannende Pygmalion - Stoff und die große Bühnenpräsenz der Schauspieler ein zwischen Heiterkeit und Ernst hin und her pendelndes Geschehen zu Wege.

Heidi Klein als Evelyn verkörpert nicht ohne massive Wuchtigkeit den eisernen Willen zum Erfolg, wie er im American Dream einstmals allein den Männern vorbehalten war. Als Adam, seiner braunen Kordjacke entwachsen, gestylt, mit neuem Haarschnitt und Kontaktlinsen versehen, seine Degradierung vom Geliebten zum bloßen Objekt künstlerischer Dokumentation durchschaut, misslingt leider eine wirklich dramatische Konfrontation der beiden bei der ?Vernissage? . ?Irgendwer zahlt für deine zwei Minuten auf CNN? , heißt es lakonisch, und damit erscheint schlaglichtartig die ?Welt als Phantom und Matrize? (Günther Anders), der sich der Mensch ? weil er, so wie er ist, nicht bestehen kann ? als Kunstprodukt seiner selbst zu unterwerfen hat.

Ein ernstes Thema, zu ernst für den Boulevard vielleicht. Jenny und Phillip sind das befreundete ?Gegenpaar? , sind zwischen Vorstadttraum vom Eheleben und Cocktailparty-Kultur eher angepasst (Susanne Winkler und Patrick Schmick) und vom Lebensgrübel nicht angekränkelt. Sie mischen Evelyn und Adams Geschichte mit Hilfe schlichterer Verlockungen kräftig auf.

Eine muntere, frische Inszenierung, besonders für junge Menschen, lebendig und unterhaltsam, die jede Menge Stoff für Gespräche über Gestaltung und Sinn des Lebens zu zweit liefert. Gelungen sind auch das ebenso schlichte wie klare, mit farbigen Schattenrissen spielende Bühnenbild und die Kostüme (Susanne Mühlbauer). Ein weiterer guter Schritt zur Verjüngung des Wallgraben-Theaters und seines Publikums. (Peter Winterling)


Badische Zeitung vom 18.03.2006

Groß und klein von Botho Strauß

Odyssee durch die alte BRD

?Robert Klatt inszeniert am Wallgraben Theater Botho Strauß´ frühes Stück ?Groß und klein?

Wahnsinn? : Das sagt heute keiner mehr, um seine Verwunderung, sein Staunen, seine Begeisterung zum Ausdruck zu bringen. ?Wahnsinn? : So sprechen sie bei Botho Strauß Ende der 70er, als der Deutsche Herbst gerade vorbei war und die Bonner Republik insgesamt nicht im besten Zustand. Eine Komödie konnte das Stationendrama ?Groß und klein? um den einsamen Weg der Lotte-Kotte aus Remscheid-Ennep ins soziale Abseits nicht sein. Saarbrücken, Marokko, Essen, Hörnum auf Sylt und vielleicht auch noch Lüneburg. Kreuz und quer durch ein ungastliches, freudloses, kommunikationsgestörtes Land führt der damals 34-jährige Dramatiker einen verirrten Engel, der nicht aufhört, an das Gute in den Menschen zu glauben und ihnen seine ins Leere laufende Hilfsbereitschaft anzutragen. Man kann sich vorstellen, wie Peter Stein an der Berliner Schaubühne ?Groß und klein? zelebriert hat. Fünf Stunden dauerte die Uraufführung; die Fernseh-Verfilmung viereinhalb. Undenkbar heute.

Heute, 28 Jahre später, kann man auf Lotte-Kottes Odyssee durch die alte Bundesrepublik einen Blick zurückwerfen, der aus einem keineswegs nostalgischen Abstand das Lächerlich-Komische am (Sprach-) Gebaren jener seltsam aufgewühlten Zeit herauspräpariert. Robert Klatt (Regie und Bühne) hat sich am Freiburger Wallgraben Theater für eine konsequente Historisierung von ?Groß und klein? entschieden: Strauß´ Drama wird nicht als zeitloser Klassiker präsentiert, sondern in seiner Entstehungszeit verortet: Die Kostüme (Stefanie Kunert), das in den Farben Orange, Giftgrün und Lila schwelgende Dekor, die Musik: voll ? wie man heute sagt ? Retro. Wobei die technischen Möglichkeiten auf der Höhe unserer Zeit genutzt werden: Eine transparente Leinwand, auf die nicht nur die Titel der Szenen projiziert werden, sondern auf der auch einfallsreich mit einer Videoinstallation (Thomas Krohn) gearbeitet wird, ersetzt das Bühnenbild ? will sagen: erweitert den engen Raum der Kellerbühne ins Virtuelle. Das ist ziemlich genial und ein elegantes Spiel mit Grenzen, die nur durchlässig scheinen, wenn etwa Lotte, aufgeschickt mit falschen Wimpern, Goldtäschchen und Ohrgehänge, in Agadir zwei Männerstimmen hinterher lauscht, die man nicht hören kann: Dafür gibt die in ein mauretanisches Dekor getauchte ?Wand? den Blick auf die schemenhaften Figuren dahinter frei.

Auch Lottes Mann Paul (Götz Koch) bleibt auf diese Weise anwesend und abwesend zugleich: ein schönes Bild für dessen Unerreichbarkeit für Lotte, die ihm bis zum Ende (leider) nach- und anhängt, während er sich längst eine Geliebte zugelegt hat. Doch die Geschichte des Scheiterns einer Ehe schiebt sich nicht in den Vordergrund der Inszenierung. Das mag vor allem an Regine Effingers Lotte liegen. Eine Märtyrerin der Liebe ist sie mitnichten ? und auch kein Opfer der sozialen Kälte, die ihr auf der Durchreise nach Nirgendwo in den ?Zehn Zimmern? eines Hauses und anderswo entgegenschlüge. Diese Lotte gleitet im kurzen Lackmantel wie ein Fisch durch alle spießigen Dumpfheiten ihrer Umgebung hindurch. Ihr unbestechlich offener Blick entlarvt all jene, mit denen sie Kontakt aufzunehmen versucht. Das ist reine, ziemlich ätzende Komödie. Sie funktioniert deshalb so gut, weil Strauß sich als genau beobachtender und hinhörender Gesellschaftssatiriker empfiehlt. Das ausnahmslos famose Ensemble ? Sybille Denker, Gabriele Zink, Peter Haug-Lamersdorf, Hans Poeschl und Heinz Meier ? wirft sich mit Lust in die Floskeln, die Kalauer, die manchmal auch verstiegenen Sätze des glänzenden Stilisten hinein. Da gerät manches zur kabarettreifen Nummer ? der Gitarrenspieler mit Langhaarperücke und ?Bad Moon Rising? oder die Diashow von Vater und heilsarmeeverdächtiger Tochter. Die ansteigende Verzweiflung der Heldin freilich geht in dem virtuosen Herbeizitieren der 70er einigermaßen unter. Nach der Pause wird man fast überrumpelt vom pathetischen Ausbruch Regine Effingers in der Episode ?Falsch verbunden? , wo sich eine ? für Strauß auch späterhin typische ? Wendung und Überhöhung des Geschehens ins Religiöse anbahnt. So verlangt einem die fast dreistündige Inszenierung gegen Ende einen Ernst ab, auf den man nicht vorbereitet war. Egal: Was für ein Brocken wurde hier leichthin über die Schulter geworfen! Was für eine bravouröse Leistung! (Bettina Schulte, BZ)


Kultur Joker vom 18.03.2006

Groß und klein von Botho Strauß

Einzimmergesellschaft BRD

"In den 70er Jahren finde ich einer zurecht", klagt Lotte 1 ?Groß und klein". Aber was sagt Botho Strauß dann eigentlich erst zur Gegenwart? Seit einem viel kritisierten ?Anschwellenden Bocksgesang" hat man nicht mehr viel vom 944 geborenen Autor gehört, gespielt werden seine Stücke dennoch, sei es in Zürich oder und eben im Freiburger Wallraben Theater. ?Groß und .klein", 1978 uraufgeführt, ist eine Zeitreise in die 1970er Jahre, die in Robert Klatts Inszenierung mit viel Freude an, den Op-Art-Mustern und dem Design dieser Zeit ausgestattet wird. Überlebt hat sich das Stück trotz seines Alters nicht, der Rückzug, genauer der Hinlauswurf von Lotte aus allen menschlichen Beziehungen, bietet heute auch noch dramatischen Stoff.

Dabei beginnt alles vielversprechend in der Hitze Marokkos. Erlebnishungrig sitzt, Lotte (Regine Effinger) an der Bar und bläst Luft in ihren Cocktail. Draußen unterhalten sich zwei Männer. Während sie horcht, wartet sie insgeheim darauf, dass die beiden in der die Frau im Neckholderkleid mit den klimpernden Ohrringen auffällt, dass die Nacht nicht alleine an der Hotelbar im heißen Agadir endet. Denn sie ist willig, wie einer ihrer späteren Liebhaber sagen wird, alles richtig zu machen, unabkömmlich und ihren Freunden eine Freude zu werden. Doch nichts geschieht. Ernüchtert reißt sich die nicht mehr ganz junge, aber auch längst nicht alte Frau die falschen Wimpern und den Schmuck herunter.

Eine tragende Rolle in Robert Klatts Inszenierung spielt die Projektionswand, hinter der die beiden sehnsuchtvoll belauschten Männer zu sehen sind und auf die ein arabisches Muster projiziert wird. Autor Botho Strauß, so lässt sich im Programmheft nachlesen, hätte das wohl als ?technische Überfremdung" abgetan und irrt hier. Gelingt so doch ein schneller Wechsel, immer wieder verwirrende Irritationen zwischen Innen und Außen und nicht zuletzt sind auf ihr die jeweiligen Szenentitel und Figuren zu lesen, was Strauß' Experimentaufbau einer zunehmenden Vereinsamung Rechnung trägt (Licht: Ralf Hämmerle, Jann Warzecha; Videoinstallation: Thomas Krohn).

Trotz Lottes Niedergang von der neugierigen, erotischen Frau zur blassen, bekehrten ?Gerechten" ist ?Groß und klein" über lange Strecken sehr komisch. Und dies ohne den von Strauß häufig angeschlagenen hohen ton lächerlich zu machen. Denn Regine Effinger lässt sehr Distanz, manchmal auch Selbstironie zu bei ihrer Lotte. Etwa, wenn sie den Hippie mit der Gitarre (Hans Poeschl) vorauseilend mit einem ?klar Du, klar" kopiert, als dieser ihr die Gepflogenheiten in Inges Mietshaus erklärt, gegen die sie natürlich alle verstößt. Erstes Gebot: eine Gemeinschaft zwischen den Bewohnern der Einzimmer-Appartements soll erst gar nicht aufkommen.

Überhaupt ist das Ensemble gut aufgelegt und sehr wandlungsfreudig, Heinz Meier und Sybille Denker glänzen in der verstiegen, religiösen Kumpanei von Vater und Tochter, Gabriele Zink gibt den Türken dazu, der schon mal für eine absurde Diashow in die Rolle von Christus schlüpft. Und Peter Haug-Lamersdorf liefert mit seinem widerlichen Paul, Lottes Ehemann, den Grund für ihre Selbstverneinung. Die alte BRD wird hier als Einzimmergesellschaft vorgeführt, in der keiner für den anderen sorgt. Das ist keine angenehme Bestandsaufnahme, die uns da aus den 70er Jahren anweht und die Zeiten sind nicht besser geworden, ?Groß und klein" ist durchweg überzeugend gespielt und unbedingt sehenswert. (Annette Hofmann)


Badische Zeitung vom 04.03.2006

Edith Piaf von Carmen Dorothe Moll

"So hat man sie im Ohr"

Edith Piaf alias Carmen Moll im Wallgraben-Theater Freiburg

Sie sind sich nicht ähnlich. Jedenfalls nicht so richtig. Oder, um es deutlicher zu sagen. Carmen-Dorothé Moll ist hübscher. Hübscher als der ?Spatz von Paris? , als dessen ? vokales ? Spiegelbild sie durch die Lande zieht. Doch wenn man die Augen schließt, könnte man es für möglich halten: Die Piaf ist wieder da. Die Stimme, dieser Charme, diese Art des Vortrags, bis hin zum kleinen ?Schnackler? , der hinten in der Kehle sitzt und meist nach zu heftigem Tremolieren auftritt: So, ja so hat man sie im Ohr.

Das Lied sei ein ?Gemälde des Lebens in wenigen Minuten? soll Edith Piaf gesagt haben. Carmen-Dorothé Moll zeichnet in ihrem Piaf-Programm, mit dem sie zur Zeit im Freiburger Wallgraben-Theater gastiert, ein Gemälde des Lebens von Frankreichs legendärer Diseuse in anderthalb Stunden. Von den Anfängen in Pigalle über den frühen Ruhm, die zahlreichen privaten Turbulenzen, den Krieg, den Aufenthalt in den USA, den Verlust des Geliebten, den Drogenkonsum und den verzweifelten (Über-)Lebenskampf mit ihrem einzigen Verbündeten: dem Chanson. Die Auswahl der Lieder ist klug und richtig, weil sie Entwicklungen hörbar macht ? vom Chanson als Momentaufnahme bis zur Ballade des Lebens. Jörg Nadeschdin fungiert dabei als schillernder Conférencier, Annika Hörster zeigt am Klavier mit federndem Anschlag, wie viel Kunst und Virtuosität im kleinsten Chanson stecken kann. C´ était l´ histoire de la Piaf? Jedenfalls war es eine Annäherung an sie ? und ein Abend, an dem es nichts zu bereuen gilt. (Alexander Dick, BZ)


Badische Zeitung vom 01.03.2006

Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt - frisch, frech, frivol von Trio Retro

Heitere Erinnerung

"Theater, Theater? : Noch ist der Vorhang zu, da klingt es schon dahinter hervor, leise wie eine heitere Erinnerung. Vorhang auf: Eine Kabarettbühne, Klavier, Spanische Wand und ein Cafétisch mit Sektkübel. Und in der Mitte singt Ursula Keller Ralph Siegels Lied von Freud und Leid der Bühne, begleitet von Gottfried Beck und Werner Erhart. Das ?Trio Retro? hat zu seinem Programm ?Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt ? frisch, frech, frivol? ins Wallgrabentheater geladen, und der Titel sagt alles: lebenslustige Lieder aus der Zeit zwischen 1905 (Lehárs ?Lustige Witwe? ) und 1980 (?Theater? ). Gottfried Beck, der ältere Herr am Klavier, wirkt auch am Ende des Abends noch, als könnte er stundenlang weitermachen. Wie andere Leute ein Liedchen vor sich hinsummen, so spielt er vergnügt einen Schlager nach dem anderen und gibt Ursula Keller auch mal ein Stichwort.

Sie, die Gastgeberin im feuerroten Fransenkleid, singt und erzählt von den lebenslustigen 20er-Jahren, als wäre sie dabei gewesen. Und Werner Erhart gibt sich am Bass und in den Nonsense-Dialogen mit Beck recht bärbeißig. Wenn er dann aber, den Schlapphut schräg auf der Künstlermähne, ?Wenn ich einmal reich wär? ? singt oder sich in ?Josef, ach Josef? der Avancen Frau Potifars erwehrt, wird der Franke zum Charmeur.

Und egal, ob Ursula Keller Frau Potifar oder die aufgeregte ?Kleptomanin? (in Friedrich Hollaenders Schlager) spielt, ob sie mit Richard Fall fragt ?Wo sind deine Haare, August?? oder mit Peter Kreuder rät ?Man muss die Männer schlecht behandeln? : Immer umgarnt sie das Publikum mit ihrem Lächeln und ihrer weichen Stimme. Hollaenders ?Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre? gibt sie eine so kecke Note, dass man das Säuseln der Diseusen gern vergisst.

Das ?Trio Retro? liebt seine Musik, und dafür liebt das Publikum das ?Trio Retro? . Operettenabende, Gesangsstars, alte Filme, Revuen: Erinnerungen machen bei dieser Musik die Hälfte des Reizes aus. Da braucht Beck die Zugabe nur mit dem Namen Paul Burkhard anzukündigen, schon seufzt es ihm aus der ersten Reihe entgegen: ??Oh mein Papa? !? Und die andere Hälfte? Ein Blick aufs ?Trio Retro? , und man weiß es. Es ist der Charme. (Friedrich Sprondel, BZ)


Kultur Joker vom 05.01.2006

Freunde zum Essen von Donald Margulies

Leben zwischen den Gängen
Das Wallgraben Theater lädt ?Freunde zum Essen" von Donald Margulies

Freunde wie Karen und Gabe [den einen nicht einfach nur im Essen ein. Kaum hat der Gast die bereit gelegten Ringelsocken übergestreift, darf er ihr gelungenes Leben abnicken: die Kinder, die Wohnung, den Urlaub und natürlich das Essen. Gut, wenn da Freunde den Lebensentwurf teilen und schon viel Zeit in den Ferien miteinander verbracht haben. Doch was, wenn die eigene Ehe gerade vor dem Aus steht? Beth jedenfalls bricht heulend über der Limone-Mandorla-Polenta (mit Milch statt mit Wasser!) zusammen. Man kann es ihr nicht verdenken.

Donald Margulies' Komödie ?Freunde zum Essen", die der­zeit am Freiburger Wallgraben Theater in einer Inszenierung von Anatol Preissler zu sehen ist, nimmt das Älterwerden leicht. Zwei Paare kreuzen sich, sind ein Stück Lebensweg gemeinsam gegangen. Man wollte gemeinsam alt werden, die Kinder aufwachsen sehen, die Enkel verwöhnen. Und nun das. Nun scheren Beth und Tom einfach aus, er hat eine Stewardess, die in Wahrheit in einem Reisebüro arbeitet, sie den seit langem besten Sex mit ihrem Noch-Mann, der bald die Scheidung einreichen wird. Das kann auch Freunde außer Fas­sung bringen, schließlich könn­te dies einem selbst passieren. Doch diese Ahnung hält man sich am sichersten mit einer möglichst perfekten Oberfläche fern. Auf der Bühne ist das komisch, weil es so mensch­lich ist und der Zuschauer die Blicke und Mechanismen so gut von sich selbst kennt. Da möchte Karen (Regine Effinger) ihren Mann kein Stück am Urlaubsmythos des ?sagenhaft frugalen" Essens einer italienischen Köchin miterzählen lassen, unterbricht ihn, wo sie kann, wenn es jedoch gilt der engsten Freundin in der Le­benskrise zuzuhören, würde sie sich gerne seine Einwürfe gefallen lassen. Doch Gabe (Hans Poeschl) schweigt beharrlich, natürlich, was sonst?

Autor Donald Margulies hat die Paarstruktur auch auf das Stück übertragen. Die Szenen korrespondieren miteinander und Anatol Preissler hat dafür ein Bühnenbild entworfen, das sich von der weiß gestrichenen Wohnküche schnell in eine Bar umwandeln lässt. Denn mal treffen sich die beiden Frauen, dann die beiden Männer, eine andere Szene führt zu dem Zeitpunkt zurück, als alles anfing. Damals auf dem Weingut, als Karen auf dem Heuballen sitzend die Paprika schnitt und Beth und Tom zu dem frisch gewordenen Paar wurden, zu dem sie ausersehen waren. Beth (Beate Maria Schwarzbauer) wirkte damals schon ein bisschen überdrehter, eine Künstlerin eben, wenn sie von dem tollen Licht am Meer schwärmt, wippen der Rocksaum ihres Sommerkleides und das Tuch im Haar fröhlich vor sich hin. Tom (Mark Kuhn) hingegen war schon immer ein so oberflächiger wie charman­ter Sonnyboy.

Das Scheitern ihrer Ehe führt Karen und Gabe vor, wie weit sie sich selbst von dem einst unbeschwerten Paar fortbewegt haben, das sie einmal waren. Wenn Gabes dunkler Blick bei Marks Erzählungen über sein neues Leben ahnen lässt, dass es mit seinem und Karens Liebesleben eher ruhig bestellt ist, hat das seine sehr komischen Seiten. Was jedoch mit einem gewissen Tempo serviert werden müsste, zieht Regisseur Preissler wie ein gutes Essen in die Länge. Nicht nur in der Küche ist vieles eine Sache des richtigen Timings.

Annette Hofmann


Badische Zeitung vom 26.11.2005

Der König von Jörg Nadeschdin

"Die Langeweile vertrieben"
?Der König? im Freiburger Wallgraben Theater ? von und mit Jörg Nadeschdin

?Kaiser? Franz feiert seinen 60. Geburtstag, der King of Pop seinen Freispruch vor Gericht und Jürgen Drews sich selbst als König von Mallorca. Wie deplaziert muss sich da ein echter Monarch im Purpurmantel, gesäumt von weißem Hermelin, mit goldenem Zepter und edelsteinbesetzter Krone auf einem überdimensionalen weißen Thron vorkommen, wenn ihm die selbst ernannten Könige der pluralistischen Spaßgesellschaft gnadenlos den Rang ablaufen. Er ist einsam ? verdammt einsam.

Und er beginnt zu erzählen. 100 Minuten dauert seine Audienz: Ein einziger tragikomischer Monolog, den Jörg Nadeschdin als ?Der König? ? das ist zugleich der Titel des Stücks ? sich selbst auf den Leib schrieb. Es ist das erste größere Bühnenstück des Ensemblemitglieds am Freiburger Wallgraben Theater, das jetzt dort zur Uraufführung kam. Die reduzierte Form des Monologs, den die schnörkellose Inszenierung von Christian Bronder unterstreicht, ist Herausforderung und Gewinn zugleich.

Nadeschdins König ist menschlich und damit vielschichtig. Erst herrschaftlich aufbrausend, dann im Rückzug ins Private. Dem Wahnsinn scheint er anheim zu fallen, wenn er wider bürgerliche Ersatzkönige wettert und gegen die Presse, die ihn mit jenen unter eine Schmuddelkrone stecken will. Dann wieder überspielt er pointenreich seine Langeweile. Alles was er tut, richtet sich nach dem Hofprotokoll, dem Diktat eines sadistischen Zeremonienmeisters, den der König am liebsten umbrächte wie Nero die Christen ? obwohl er sich von derlei despotischen Vorfahren distanziert. Ja, was das Harfenspiel, den Tanz und seine Dichtkunst angehe, so sei er sowieso Nero um Längen voraus. Und weil ihm so langweilig ist, gibt er dem zuschauenden Volk einige Kostproben seiner Kunst. Und seine Untertanen goutieren die Intermezzi mit Szenenapplaus.

Ausgelassen ist der König hingegen nie, besonders nicht, wenn ihm der Zeremonienmeister den Besuch der königlichen Gruft androht. Er ahnt eine Verschwörung. Am Hof hat er ohnehin nur einen Freund, den Lieblingsdiener Franz. Der versteht ihn, brachte ihm einstmals, als der Zeremonienmeister krank war, des Königs neue Kleider: Baseballcap und Jeans.

Kein Interesse mehr
an Mätressen
So mischte er sich unters Volk um volksnah mit Pommes, Mayo und Bratwurst ?mal so richtig rumzusauen?. Und dann ? die königsblauen Augen beginnen mitten in der Rede zu blitzen ? traf er sie: Gwendolyn, seine bürgerliche Geliebte. ?Liebe auf den ersten Blick. Es gibt sie tatsächlich.? Und der König verfällt dem Liebeswahn: Kein Interesse mehr an Mätressen, Schluss mit Schnallenschuhen, Pumphosen und Kronjuwelen, es lebe das bürgerliche Leben, die Audienz ist beendet und der König verlässt, von Beifall begleitet, den Theaterkeller als Hausmeister Thorsten König durch die Hintertür. Lieber Hoffegen statt Hofprotokoll.

Nadeschdin gelang es die Langeweile des Monarchen in lustvolle Kurzweil fürs Publikum zu wandeln. Es amüsierte sich königlich. (Sören Schmeling)


Badische Zeitung vom 05.11.2005

Kleine Eheverbrechen von Eric-Emmanuel Schmitt

Ist Liebe möglich?

Es ist ein altes Motiv, das schon viele Schriftsteller entzündet hat: ein Mann verliert sein Gedächtnis und kann sich von nun an neu erfinden, ein ?erwachsenes Neugeborenes? sein. Wer wünschte das nicht: einen Nullpunkt, von dem man sein festgefahrenes Leben verlässt und alles noch einmal neu entscheidet. Bei Gilles und Lisa in ?Kleine Eheverbrechen? ist es jedoch zunächst die Frau, die nach dem ?Unfall? ihren Mann neu ?recycelt?: in einen, den sie sich schon immer gewünscht hat. Einen treuen, Tee trinkenden Traummann, der Boutiquen liebt und ein wenig eifersüchtig zu Hause wartet. Doch natürlich ist alles ganz anders. Der sensible Erfolgsautor Eric-Emmanuel Schmitt hat mit seinem 2003 in Paris uraufgeführten Kammerspiel brillant und berührend die Probleme langjähriger Partnerschaften erfasst: wie sehr mit der Gewöhnung die Lust auf den anderen verschwindet, wie sehr man ihn zu kennen glaubt, sich träge in Vertrautheit einrichtet, aber genau dort das Liebesende lauert. Und dass man sich in vielem einen anderen gewünscht hätte und sich die Spannung der Fremdheit zurückwünscht, die zugleich unmäßig erschreckt.

Neue Funken der Erotik ? aber auch ganz neue Abgründe

Nach der Amnesie von Gilles schlägt zwar die Erotik neue Funken ? aber ganz neue Abgründe tun sich auf. Ein perfekt geeignetes Stück für das bewährte Schauspielertheater im Wallgraben, bei dem Regine Effinger und Sebastian Hufschmidts Schlagabtausch sprüht vor Glanz und Witz, als wäre er für sie geschrieben. Nichts ist, wie es scheint, alle paar Sätze ändert sich die Ausgangslage, suggestiv und rasant laufen in 80 Minuten mehrere Rollenwechsel ab, umkreist und belauert sich das Paar. Leidet Gilles wirklich unter Gedächtnisverlust? Wer ist stärker, wer lügt, wer liebt wen mehr, und wer wollte wen eigentlich umbringen? Wie in einem Krimi erforscht der Zuschauer die Gemengelage der beiden Großstädter in gut geschnittenen Edelanzügen, in der Wohnung mit den japanischen Wänden und pittoresk-unheimlichen Schatten an der Wand (Bühne und Regie: Robert Klatt). Hinter der ordentlichen Mittelstandsehe lauert es dunkel, hinter dem leichtzüngigen Feuerwerk ergeben sich schwerwiegende Fragen. Ist Liebe möglich? Oder erstickt sie in Dumpfheit, wenn man sie nicht durch Lüge, Eifersucht und Manipulation in zweifelhafter Lebendigkeit hält?

Können Mann und Frau je ebenbürtig sein, soll man sich je ganz auf einen anderen einlassen ? oder verwandelt echte Liebe in ein unkontrollierbares, bedürftiges Monster? Ist für die Liebe Verlust von Erinnerung oder radikale Ehrlichkeit besser, ist sie überhaupt neu zu (er)finden? Gilles vermeintlicher Gedächtnisverlust wird zum Vorwand, die Paarbeziehung neu zu definieren ? und deckt dabei ihre tödlichen Gewohnheiten auf. Sebastian Hufschmidt gibt einen intellektuellen Lebemann, souverän und sexy; dass er nicht treu war, weiß man, bevor er es indirekt zugibt. Regine Effinger ist nervös und scharfsichtig, mit Hang zu Hysterie und (Alkohol-) Exzess ? dass sie nicht so stark ist, wie sie tut, ist in ihrer Spielweise wunderbar angelegt. Es ist ein äußerst kurzweiliger und doch schwergewichtiger Abend, in dem Schauspielkunst, boulevardhafte Leichtigkeit und Tiefgang zu einer selten gelungenen Einheit finden. (Dorothea Marcus, BZ)

Mit Büchern die Welt verändern
Eric-Emmanuel Schmitt (2): Ein Besuch in Freiburg

Es war ein Zufall, aber dafür umso schöner: Einen Tag, bevor im Wallgraben- Theater Eric-Emmanuel Schmitts Stück ?Kleine Eheverbrechen? aufgeführt wurde, kam der Bestsellerautor zur Lesung seines neuesten Buchs ?Das Evangelium nach Pilatus? nach Freiburg ? und eilte sogleich in das kleine Kellertheater, um die elegant französisch sprechende Regine Effinger zu begrüßen. Denn Schmitt, der zu den 15 meistverkauften Autoren der Welt gehört, hatte seine Liebe zum Theater lange, bevor er seine berühmten Romane schrieb. ?Früher habe ich gedacht, dass es mehr Spaß macht, Theaterstücke zu schreiben?, erzählt der sanfte 45-Jährige mit weißem Haarkranz, der stets einen schwarzen Anzug trägt und sinnlich und lebenslustig aussieht, ?es sind Krisen, die auf der Stelle zu einer Lösung kommen ? die Romane entwickeln sich dagegen über lange Zeit.? Er lässt sich durchs Haus führen, begutachtet fachmännisch das Bühnenbild und setzt sich ? ein wenig Eitelkeit muss sein ? in derselben Pose vor den Theatereingang, in der einst Ionesco dort fotografiert wurde.

Schmitt gilt seit ?Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran? als ein Vermittler zwischen den Religionen. Die Geschichte, wie ein arabischer Krämer einem jüdischen Jungen den Islam nahe bringt, rührte weltweit zu Tränen und wurde mit Omar Sharif verfilmt. Mittlerweile wird es sogar in Tel Aviv im Theater gezeigt, abwechselnd auf Arabisch und Hebräisch: eine aktive Friedensbotschaft. ?Ich gehöre zu den Verrückten, die glauben, dass Bücher die Welt verändern?, sagt er und lächelt unnachahmlich selbst- versunken, ?eigentlich nützen sie nichts, aber man kann sie benutzen?. Sich selbst würde Schmitt nicht ?religiös? nennen, sondern vielmehr ?gläubig?. Ein Mystiker, der sich bisher keiner Kirche angeschlossen hat ? aber gerne von Protestanten und Katholiken gebucht wird. ?Für Katholiken ist es skandalöser, mich einzusetzen, aber es gelingt ihnen trotzdem besser?, lacht er.

Harte Kost für die katholische Kirche, wenn Schmitt im ?Evangelium nach Pilatus? die Jungfräulichkeit von Maria bezweifelt und den Verräter Judas rehabilitiert. Es ist Schmitts brisantestes Buch. Wie ein Altar besteht es aus drei Teilen: Im ersten erzählt ?Joshua? aus Nazareth von seinem Leben ? von Jesus in der Ich-Form zu schreiben, hat sich noch kaum ein Schriftsteller getraut. Im zweiten erzählt Pilatus von der Verurteilung Jesu ? und im dritten passiert etwas ganz Unerhörtes. Denn Schmitt wurde kurz vor seiner Vollendung der Computer gestohlen, mitsamt Sicherungsdisketten. ?Ein Geschenk?, sagt er heute, denn er schrieb das Buch in einem Rutsch noch einmal. ?Seitdem schreibe ich immer so schnell?, sagt er, ?der Unglücksfall hat mir den Sinn für Dringlichkeit gegeben?. Im dritten Teil ist nun das Schreibtagebuch Schmitts abgedruckt, seine philosophischen Gedanken und Zweifel. Man erhält einen inspirierenden und intimen Eindruck in seinen Schaffensprozess. (Dorothea Marcus, BZ)


Badische Zeitung vom 01.08.2005

die Wirtin von Peter Turrini

Wer braucht schon Männer. Sie sind ja nicht die Allerhellsten, haltlos ihren Trieben nach Frauen, Alkohol und Geld (Reihenfolge beliebig) unterworfen und dabei doch eindimensional pragmatisch. Also führt die schöne Mirandolina lieber selbst ihr Gasthaus im von Laken verhängten Freiburger Rathaushof, verkörpert von einer langbezopften, grazilen und resolut emanzipierten Regine Effinger. Das Adelspack hat sich bei ihr eingenistet wie im Wellness-Park: Marchese Albafiorita (ein wunderbar verhärmter und stolpernder Peter Haug-Lamersdorf) und Graf Forlinpopoli (dickbäuchig und kraftstrotzend, mit glitzernden Brillanten am Finger und Schönheitsfleck im Gesicht) sind zwei männliche Prachtexemplare, die heftig um die Gunst der schönen Wirtin buhlen, aber keine Zechine mehr für sie übrig haben. Selbstverliebte Aufschneider, die es aber in langem Kampf kaum schaffen, ihre Liegestühle aufzubauen. Nur Cavaliere Rippafratta (Hans Poeschl) bringt Eleganz in den Rathaushof, zeichnet sich aber durch rechtschaffenen Frauenhass aus. Doch die patente Mirandolina muss sich nur ein wenig ihre Beine reiben und gutes Essen kochen, da hat sie auch mit seinem Herz leichtes Spiel.

Der österreichische Gegenwartsautor Peter Turrini hat Carlo Goldonis Commedia dell?Arte - Komödie ?Mirandolina? deftig adaptiert: da werden verbal Eier rasiert und kräftig Körperteile befummelt ? und stets ironisch thematisiert, dass es sich hier nur um ein großes Theater im Theater handelt. Großes Theater?

Niemand verheimlicht, dass Turrinis Stück eine echte Schmierenkomödie ist, nach deren Fertigstellung er sogar in eine Schaffenskrise geriet ? aber genau das macht es wunderbar: Regisseur Robert Klatt hat das lustig-leichte Stückchen lustvoll auf die Spitze getrieben. Es ist eine Freude, den beiden ?Schauspielerinnen? Dejanira und Ortensia bei der Verwandlung in Pseudo-Gräfinnen zuzusehen: Gabriele Zink entfaltet ihre komödiantisch-proletarischen Talente als schwarze, geldgierige Suffragette, Sybille Denker als augenrollendes, pseudonaives leichtes Mädchen. Eifrig stecken sie Äpfel ins Dekolleté, zücken Zahnbürsten oder setzen sich bei Zuschauern auf den Schoß. Es ist urkomisch, wie das Ensemble des Wallgrabentheaters in den sonst so ehrwürdigen Rathausgängen mit Playback italienische Schmachtgesänge schmettert, während die Discobeleuchtung zuckt und sie wie Grand-Guignol-Puppen auf- und abtauchen. Worum ging es nochmal? Ach ja, eigentlich ist es ja der pragmatische Kellner Fabrizio (nüchtern und gut: Heinz Drenker), der so gerne Gasthausbesitzer wäre, der hier die Fäden zieht: er stiftet die ?Schauspielerinnen? an, die adeligen Herren abzulenken, damit er selbst das Herz von Mirandolina erobern kann ? nachdem sein erster, zu sachorientierter Versuch schief ging. Denn ein wenig Romantik braucht man als Frau ja schon, und ohne Mann geht?s letztlich auch nicht. Und da ist der bodenständigen Mirandolina wichtiger, von ihresgleichen verstanden zu werden, als sich von degenerierten Grafen umschmeicheln zu lassen ? wahrscheinlich ist das die tiefste Weisheit, die man zum 30. Jubiläum der Rathaushofspiele mit nach Hause nehmen kann. Drei Mal stand in dieser Zeit ?Mirandolina? auf dem Spielplan, erstmals wird die modernisierte Version gegeben. Es ist umso lebensnaheres Volkstheater geworden. Man möchte ihm keine Regenunterbrechung mehr wünschen. Dorothea Marcus (Badische Zeitung)


Badische Zeitung vom 14.12.2004

Besuch bei Mr. Green von Jeff Baron

Tevje in New York - "Besuch bei Mr. Green": Ein Stück für Heinz Meier am Wallgraben-Theater Freiburg

Mr. Green und der Milchmann Tevje sind sich nie begegnet - und doch würden sie sich auf Anhieb verstehen. Vielleicht liegt' s an der Provenienz der beiden, der (tragisch untergegangenen) ostjüdischen Welt des "Schtetls". Jedenfalls hat der New Yorker Autor Jeff Baron mit seinem Bühnenstück von 1996 "Besuch bei Mr. Green" an die Geschichten des Scholem Alechem (den meisten bekannt durch das Musical "Fiddler On The Roof - Anatevka") vermutlich ganz bewusst angeknüpft. Für beide, Green und Tevje, gilt der Primat der Religion. Um derenthalben haben die beiden Traditionalisten (oder sollte man besser sagen: Sturköpfe?) sogar ihre Töchter verstoßen, weil sie sich mit einem Goi, einem Christen, eingelassen haben. Die Gesetze auf den Kopf stellen? Nein.

Heinz Meier wäre vermutlich auch ein guter Tevje. Aber er ist Mr. Green. Die Rolle des vereinsamten New Yorker Witwers, der plötzlich und unfreiwillig Gesellschaft von einem jungen Mann bekommt, wohlgemerkt nur weil dieser vom Richter dazu als "Sozialdienst" verdonnert worden ist, könnte für den Prinzipal des Wallgraben-Theaters geschrieben worden sein. "Ich komme her, um ihnen zu helfen", sagt Ross Gardiner, der sonst Erfolgsverwöhnte, der Green mit seinem Auto angefahren hat. Und dieser blafft zurück: "Wobei?" In Tevjes Weltbild nähme sich das freilich fatalistischer aus: "Was ist des Menschen Vorzug vor dem Vieh? Nichts." Doch "Besuch bei Mr. Green" ist kein europäisches Stück, in dem sich die beiden Charaktere systematisch zerstören. In gehobener amerikanischer Boulevard-Manier parlieren sie miteinander, entwickeln aus der anfänglichen Abneigung Sympathie und irgendwann sogar Verständnis. Etwas wenigstens. Die Dialoge sind pointiert, manchmal richtig witzig, und auch wenn die Dramaturgie des Zweipersonenstücks mit ein paar Unglaubwürdigkeiten (so dem allzu glatten Happy End) gespickt ist, möchte man gerne über diese hinwegzusehen. Wegen der emotionalen Nähe, die Robert Klatts Regie ebenso fokussiert wie Stefanie Kunerts Ausstattung. Und vor allem wegen der beiden Akteure, die diese so überzeugend ausstrahlen. Meier schlurft über die Bühne, grantelt, schimpft, um dann wieder ganz in der Illusion der Erinnerung zu versinken: Jetta, seine Frau, und er - "wir haben nie gestritten". Je tiefer die Seelenabgründe sich in ihm - Green-Meier - auftun, desto hinreißender wird sein Spiel. Das gilt auch für den Jungen: Jörg Nadeschdins Sonnyboy Ross gewinnt in dem Maße an Konturen, in dem er die Kratzer an seinem heilen Weltbild offeriert. Gardiner ist ein Gutmensch, möglicherweise allzu modellhaft. Aber so kurz vor Weihnachten dürfen die Botschaften im Theater auch einmal ganz eindeutig sein. Zumal wenn sie so berühren wie an diesem Abend. (Alexander Dick (BZ))