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Badische Zeitung vom 14.05.2010

Honigpfeffer von Loriot bis Tucholsky

Eine Regenbogenwand, ein schräges Doppelbett und je nach Bedarf italienische Restauranttische oder weiße Bänke – mehr braucht es an Utensilien nicht, um Literarisches von Valentin, Schwitters, Tucholsky, Loriot, Gernhardt, Polt und Ernst auf die Bühne zu bringen. Christian Bronder (Regie) und Hans Poeschl (Bearbeitung) zeigen bereits mit ihrer Textauswahl rund um "Ausländisches", "Der Künstler an sich" und "Ehe, Knast und Kinder", dass es sich um eine satirisch-komödiantische Reihe handelt, die unter dem Motto "Honigpfeffer" am Wallgraben Theater Premiere feierte.

Begrüßt wird der Zuschauer von einer Märchenerzählerin mit Kopftuch (Regine Effinger) die "krass geil" im schönsten Ethnolekt von Schneewittchen und den Sieben Zwergen erzählt. Nach dem Deutschkurs für Ausländer, "äh, Menschen mit Migrationshintergrund", wird einmal mehr gezeigt, wie sich der Bayer im Lieblingsland Italien und auch sonst überall aufführt. Schade, dass das Bayerische zu Beginn so dominierte, wo doch keiner der Protagonisten diesen Dialekt überzeugend beherrscht. Wäre Polt nicht auch auf Badisch denkbar?

Über das Thema Demokratie ist man beim Notstand der deutschen Theater angelangt: Aus den Reihen des voll besetzten Kellergewölbes heraus fragt Sybille Denker "Woher diese leeren Theater?" und fordert ausdrucksstark einen "Theaterzwang", geregelt durch eine vom Staat auferlegte ATBPf (Allgemeine-Theater-Besuchs-Pflicht). Dass die zweite Hälfte des Abends noch überzeugender ist, als es die Erste schon war, liegt an der gesteigerten Theatralik. Hier geben sich die Schauspieler rasant die Pointen in die Hand, aus den Satirestückchen wird die eine Geschichte. Im Schnelldurchlauf, unterstrichen von dem lauten, drohenden Pochen der (Lebens-) Uhr, stellen "Franz und Maria" (überzeugend: Sybille Denker/ Jörg Nadeschdin) ihre Beziehung dar. Und dann die typische Mann-Frau-Thematik noch einmal aufgespießt: "Küssen Sie eigentlich Ihre Frau?" – Loriots köstliche "Eheberatung". Am Ende noch die anrührende Diskussion des Paares im rot-geblümten Pyjama (überzeugend: Regine Effinger/Hans Poeschl) über ihren Kinderwunsch. Der anhaltende Applaus und das laute Lachen des Publikums sprechen für sich (Charlotte Willmann, BZ).


Badische Zeitung vom 06.04.2010

Die Göttliche Komödie und Johann Sebastian Bach von Tim Lucas

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es gibt im Prinzip keine historischen Berührungspunkte zwischen Dante Alighieris "Göttlicher Komödie" und Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Solovioline. Außer man schafft sie. Hier die absolute Musik, changierend zwischen kühner, rhapsodischer Freiheit und tänzerischer Verspieltheit – dort die mindestens ebenso kühne, rund 400 Jahre ältere dichterische Faktur. Wo ist da das tertium comparationis – das Verbindung stiftende Element? Tim Lucas und Ildiko Moog-Ban geben die Antwort: in der Harmonie und Geschlossenheit der jeweiligen künstlerischen Anlage. Die beiden Genies Dante und Bach begegnen sich postum innerhalb eines schmalen Zeitfensters jenseits ihrer Zeitalter im ausverkauften Freiburger Wallgraben-Theater. Und sie berühren sich, bildlich gesprochen, wie Michelangelos Gottvater und Adam in der Sixtinischen Kapelle – nur einen Fingerzeig, aber in offenbar tiefstem ursächlichem Kontext. Diese Momentaufnahme ist auch Sinnbild für die musikalische Lesung. Man kann die Größe der Werke nur erahnen, denn sie begegnen einem – nur – in Auszügen. Dantes 15 000 Verse umfassendes Gedicht und Bachs sechs Solostücke: Würde ihre Vollständigkeit sie dem Zuhörer mehr habhaft machen? Wohl kaum. Hier geht es um eine ästhetische Annäherung, um assoziative Berührungspunkte, um Synästhesie. Wie klingt die literarische Vision des Jenseits auf der Geige, wie korrespondieren Dantes Hölle, Purgatorium und Paradies mit der in ihrem Absolutheitsanspruch unbefleckten Musiksprache eines Johann Sebastian Bach?

Ildiko Moog-Ban und Tim Lucas nehmen für sich die künstlerische Freiheit der freien Zuordnung, des Weglassens und Straffens in Anspruch. Die dreiteilige Struktur von "La Comedia" bleibt. Die Musik illustriert diese Jenseitswelten, oder sie antwortet darauf. Auf die Schrecknisse des Siebenten Rings des Fegefeuers zum Beispiel folgt die Sarabande aus der d-Moll-Partita Nr. 2: ein Stück tröstender Trauer, von Moog-Ban ganz schlicht, ganz kontemplativ vorgetragen, ausklingend mit dem Grundton auf der Leersaite. Die langjährige Konzertmeisterin des Philharmonischen Orchesters, die seit ihrer Pensionierung ihren Wirkungskreis in die Türkei verlegt hat, tritt nicht mit einer historisch informierten, authentischen Interpretation an, sondern setzt ihren persönlichen künstlerischen Ausdruck vor alle "Ismen". Der intime Rahmen macht die Anspannung spürbar. Produktive Anspannung, wie sie auch in Tim Lucas’ hochkonzentriertem, eine wohltuend konservative Sprachästhetik pflegendem Textvortrag zu vernehmen ist. Und in den sparsam dosierten melodramatischen Momenten, da Sprache und Musik eine Allianz eingehen, scheinen alle ganz eng und wie selbstverständlich verbunden: Dante, Bach, die Künstler – und das Publikum.(Alexander Dick, BZ)


Badische Zeitung vom 08.02.2010

Bartsch, Kindermörder von Oliver Reese

Er sitzt schon da, als ob er auf einen gewartet hätte — an einem kleinen Tisch, mit dem Rücken zum Publikum. Ein dunkler Spiegel verschattet sein Gesicht. Dafür trägt er ein blütenweißes Hemd unter dem weinroten Pullunder, das kurze Haar akkurat frisiert, schmalrandige Brille. Kann dieser adrette junge Mann ein Mörder sein? Ein Kindermörder? Dass Oliver Reese einen — 1992 uraufgeführten — dramatischen Monolog mit dem Titel "Bartsch. Kindermörder" verfassen konnte, der jetzt am Freiburger Wallgraben-Theater Premiere hatte, verdankt sich Jürgen Bartsch selbst. Wie seine Taten im Nachkriegsdeutschland beispiellos geblieben sind, so auch sein Reflexions- und Artikulationsvermögen: In 250 Briefen an den amerikanischen Journalisten Paul Moor hat der weit über dem Durchschnitt intelligente Adoptivsohn eines Essener Metzgerehepaars geschildert, wie es zu den bestialischen Morden an vier Jungen in einem ehemaligen Luftschutzbunker in der Umgebung von Essen kam. Er hat seine trostlose Kindheit beschrieben und seine obsessiven Empfindungen, die ihn, kaum selbst der Kindheit entwachsen, zur Jagd auf Kinder, zu ihrer Fesselung, Misshandlung, Tötung und Zerstückelung zwangen. Das ist schwer erträglich.

Umso mehr sind der Mut des Regisseurs Hans Poeschl und — besonders — des Schauspielers David Imper zu würdigen, die sich in Zusammenarbeit mit Schülern des Freiburger Rotteck-Gymnasiums (unter Anleitung von Isolde Tröndle) und der Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule (unter Anleitung von Hiltrud Hainmüller und Mathias Lauck) den in jeder Hinsicht spektakulären Fall aus den 1960er Jahren auf der Bühne noch einmal vergegenwärtigen. Und ungeahnte Aktualität wächst Jürgen Bartschs Erziehung an einem katholischen Jungeninternat in Marienhausen durch die eben bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an den Jesuiten-Kollegs in Berlin und St. Blasien zu. Auch Jürgen Bartsch, der von 1958 — da war er zwölf — bis zu seiner Flucht zwei Jahr später von Patres "betreut" und das heißt vor allem: geschlagen und gedemütigt wurde, wurde von einem von ihnen zu sexuellen Handlungen genötigt. Wenn es eine Methode zur Züchtung von Homosexualität gebe, dann finde man sie in Marienhausen, hat er an Paul Moor geschrieben.

Den Satz sagt auch David Imper, und dabei stottert er, aber nur ein bisschen: wie jemand, der sich vor den eigenen Wörtern fürchtet. Mit diesem leichten Zögern, in dem das Entsetzen unterschwellig mitschwingt, ist der Ton gefunden, der diese Aufführung über fast eineinhalb Stunden trägt. Man folgt den Bekenntnissen des Kindermörders mit wachsender Beklemmung — und fragt sich, wie weit sich die Inszenierung vorwagen wird in die Abgründe einer tief gestörten Psyche.

Alles verstehen heißt nicht alles verzeihen: Dieser moralisch-aufklärerischen Maxime hat sich schon der furchtlose Paul Moor verpflichtet gefühlt, der im über sich selbst verzweifelten Jürgen Bartsch, der in der Haft ohne jede therapeutische Betreuung blieb, einen willigen Gesprächspartner fand. Und so verwandelt sich die Freiburger Kellerbühne für einen schrecklichen Augenblick in die Höhle, in der Bartsch seinen (Selbst)Hass und seine sexuelle Machtlust hemmungslos auslebte. Vier rote Friedhofslichter, eine schemenhafte Gestalt hinter einer milchigen Scheibe, die Stimme, die erzählt, was geschah, vom Band: Mit sicherem Gespür steuert Poeschl die Aufführung zwischen Voyeurismus und Kapitulation vor dem nicht Darstellbaren hindurch.

>p>Der Rest ist eine grandiose schauspielerische Leistung. Jürgen Bartsch zu sein ist eine Herausforderung, die David Imper mit sparsamem Einsatz schauspielerischer Mittel meistert. Die Schrecken einer für die 50er-Jahre nicht untypischen Kindheit ohne jede Liebe in einem von Herrschsucht und Sauberkeitszwang regierten Elternhaus, die totale Einsamkeit eines Kindes, das nicht mit seinesgleichen spielen durfte, die in den erschütternden Wunsch mündet, immer Junge bleiben zu wollen: Das alles wird in Impers Darstellung nachvollziehbar. Doch wie daraus das, so Bartsch, "Anzünden des Hexenkessels" folgte: Das wird für Außenstehende wohl immer unerklärlich bleiben.(Bettina Schulte, BZ)


Badische Zeitung vom 18.12.2009

Die Nervensäge von Francis Veber

So ein Pech aber auch: Da rät der besorgte Hemdenvertreter Francis Pignon seiner Frau wegen ihrer Depression einen Psychiater aufzusuchen – und kurze Zeit später verlässt ihn die Geliebte, um künftig mit eben diesem Seelendoktor zusammen zu leben. Weil Louise (Sybille Denker) sich standhaft weigert, ins traute Heim zurückzukehren, weiß Pignon keinen Ausweg mehr – in einem Hotelzimmer will er seinem traurigen Leben ein Ende setzen.

Mit dem Tod kennt Jean Martin sich aus – schließlich ist er Berufskiller, der just von dem Hotelzimmer aus, das neben Pignons liegt, einen Mafia-Kronzeugen vor dem Justizgebäude erschießen soll. In Francis Vebers Komödie "Die Nervensäge", die am Mittwochabend im Freiburger Wallgraben-Theater Premiere hatte, scheitern beide Männer – und dieses Scheitern ist von Regisseur Robert Klatt so turbulent in Szene gesetzt, dass das Publikum aus dem Lachen kaum noch herauskommt.

Das 1970 uraufgeführte Theaterstück, das Dieter Hallervorden ins Deutsche übertragen hat, lebt vor allem von der Gegensätzlichkeit der beiden hier trefflich ausgesuchten Hauptdarsteller. Markus Böllings Pignon ist ein unbeholfener, naiver Typ, herzensgut aber sterbenslangweilig. Peter W. Hermanns Martin ist ein skrupelloser Mann, ungeduldig, berechnend, jährzornig. Böllings eher schmächtige Gestalt, sein blasses Gesicht, seine groß aufgerissenen Augen unterstreichen das Klischee des am Leben verzweifelnden Vertretertypen ebenso wie Hermanns eher kräftiger Körper, sein immer wieder vor Zorn und Ungeduld rot anlaufendes Gesicht und sein bulliges Auftreten für den Berufskiller stehen.

Als der Hotelportier (angemessen schleimig: Burkhard Wein) entdeckt, dass Pignon sich etwas antun will, bittet er Martin im Zimmer nebenan um Beistand, damit er die Polizei rufen kann. Verständlicherweise ist Martin wenig an der Anwesenheit von Polizisten im Hotel gelegen und so verspricht er dem Portier, auf Pignon aufzupassen, wenn dieser die Uniformierten aus dem Spiel lässt. Diesen Deal kann Pignon nur missverstehen: Er glaubt in Martin einen Freund fürs Leben gefunden zu haben, zieht diesen in seine Geschichte hinein und entwickelt sich zu einer unglaublichen Nervensäge. Das Stück erreicht seinen Höhepunkt, als Louises neuer Gefährte, der Psychiater Dr. Fuchs (ein feines Ekel: Peter Haug-Lamersdorf) die Szenerie betritt und Pigon mit Martin verwechselt.

Klamauk und Slapstick in Komödien haben immer viel mit Bewegung zu tun – Klatts Bühne, die aus den beiden Hotelzimmern besteht, eröffnet die Chance für temporeiches Spiel durch die vielen Türen und Fenster. Herein, hinaus, Tür auf, Tür zu, Fensterrolladen auf, Fensterrolladen zu: Hier geht es nicht um feinsinnige Komik und minimalistische Gesten, hier sind plakativer Humor, derbe Sprache und die bewunderungswürdige Körpergewandtheit der Schauspieler Garanten dafür, dass das Stück so gut funktioniert und das Publikum sich so prächtig amüsiert (Heidi Ossenberg)


Badische Zeitung vom 21.10.2009

Die sieben Todsünden! von Bea von Malchus

Wie gern hätte man diese Frau im heimischen Wohnzimmer sitzen. Im dunkelgrünen Ohrensessel würde man ihr einen Stammplatz einräumen, bevorzugt an nasskalten Herbstabenden und Samstagen mit lausigem Fernsehprogramm. Denn Bea von Malchus kann Geschichten erzählen wie keine Zweite. Ein Abend mit der Solokünstlerin ist, als würde man die dicke Staubschicht vom Deckel eines Buches blasen, die ersten Seite aufschlagen und eintauchen in die Welt, an die man noch eine ferne Erinnerung hat, irgendwann damals, als man mit der Taschenlampe und einem Abenteuerroman unter die Bettdecke gekrochen ist. Dass Bea von Malchus diese kindliche Vorstellungskraft mit aller Macht wieder ins Hier und Jetzt holen kann, hat sie ganz aktuell mit der Premiere ihres neuen Stückes "Die 7 Todsünden" im Freiburger Wallgrabentheater eindrucksvoll gezeigt – wieder einmal.

Vor ausverkauftem Haus bedient sich die zierliche Schauspielerin nur eines einzigen Requisits, um Männer und Frauen in die Spätantike, genauer: ins Ägypten des 3. Jahrhunderts zu versetzen. Golden glitzert ihr langer Frack auf der einen Seite. Wendet sie ihn, brüllt dem Zuschauer tiefes Blutrot entgegen. Mehr braucht Bea von Malchus nicht, um ihre Geschichte zu erzählen. Und die geht so: Der Waise – mit ai – Anton möchte gern weise – mit ei – werden und holt sich dafür Rat bei dem populärsten Eremiten seiner Zeit, Vater Lucius. Der ist ein Rauhbein mit Herz, raucht Kette und hat eine Schwäche für Kraftausdrücke und saftige Heavy-Metal-Klänge. Der naiv-gewiefte Anton ist sein zweiter Schüler, Nummer eins – der schwule und masochistisch veranlagte Sebastian träumt von einem samtfarbenen Pfirsichblazer und wohnt noch bei der geizigen Mutti – reagiert entsprechend eifersüchtig. Eingebettet in Vater Lucius’ Lektionen und Geschichten, die er den Buben beim Würstchengrillen erzählt, hat Bea von Malchus die sieben Todsünden, sie räumt ihnen mal mehr, mal weniger Raum ein.

Grandios ihre Parodie auf eine "typische" Alnatura-Kundin, die auf der Suche nach dem Spitzwegerichtee und ihrem spirituellen Selbst hin und wieder die Contenance verliert angesichts all der unerleuchteten Mitmenschen, die sie nicht einmal mehr grüßen im Naturkostsupermarkt. Die Dame rettet sich hochmütig in die gesungene Erkenntnis, dass lediglich ihr Bessersein sie isoliere – und spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass von Malchus einfach das Fach wechseln kann, wenn es sie nicht mehr reizt, an einem Abend mehr als zwei Dutzend Personen allein mittels variierender Stimme, Mimik und Gestik lebendig werden zu lassen. Sie kann nämlich singen, und wie. Vom rauchig gehauchten Chanson bis zum derben Rockersong kommt ihr alles über die Lippen und verleiht den alten Todsünden frischen Pepp.

Respektlos und klug mixt Bea von Malchus das eine mit dem anderen, knüpft Verbindungen zwischen dem faulen und erfolgreichen Abel, einem sich wehmütig erinnernden Casanova und der zornigen, rachsüchtigen Medea. Klein Anton wird sündenfrei groß und verkündet am Ende seine Botschaft: "Jeder ist Wunder und Würstchen zugleich."


Badische Zeitung vom 16.10.2009

Wind in den Pappeln von Gérald Sibleyras

Sie haben im Ersten Weltkrieg gekämpft, also hatten sie vermutlich keine Jugend. Sie wurden verwundet an Bein, Kopf oder Seele, also hatten sie wohl wenig Hoffnung auf eine unbeschwerte Zukunft. Und jetzt zieht das Leben an Gustave, René und Fernand vorüber – wie der Wind, der zwar die Pappeln auf dem Hügel gegenüber ihres Altersheims bewegt, auf ihrer Terrasse jedoch niemals ankommt. Sie sind alt, aber immerhin sind sie noch da. Und weil Gérald Sibleyras Stück "Wind in den Pappeln", das am Mittwochabend im Freiburger Wallgraben-Theater Premiere hatte, keine Tragödie ist, ist das ein Grund, froh und kampfesbereit zu sein.

René ist sogar mehr als froh. "Der ist immer glücklich. Wenn der stirbt, wird er eine sonnige Leiche abgeben," knurrt Gustave auf seiner Terrassenbank. Der stets grantelnde Senior ist erst seit sechs Monaten im Veteranenheim und noch ein Revolutionär; Fernand ist seit zehn Jahren und René sogar schon seit einem Vierteljahrhundert hier. Vermutlich deshalb hat letzterer sich so perfekt arrangiert mit der strengen Regentschaft von Ordensschwester Madeleine, deshalb wohl darf er die Gedichte auf die Altersjubilare verfassen. Fernand hingegen hat sich wenigstens noch einen Rest Skepsis bewahrt: Er ist überzeugt davon, dass Schwester Madeleines Herrschaft auf Gewalt gründet und sorgt sich um nichts weniger als sein Leben...

Es ist ein köstliches Trio, das da auf den einfachen Holzsitzen inmitten von viel Grün (Bühne und Regie: Anatol Preissler) Platz genommen hat und rund 100 Minuten lang meckert, träumt, streitet, lügt, angibt und lacht; die alten Herren in Variationen von beigen Hosen und braunen Westen sind den Zuschauern so vertraut wie fremd, so sympathisch wie suspekt. Aber es ist vor allem auch ein köstliches Schauspieltrio, das da auf der Kellerbühne hockt. Johann Jakoby spielt den freundlichen, stets um Etikette und Würde bemühten René, der – stille Wasser sind tief – als einziger noch eine zarte Verbindung zum anderen Geschlecht pflegt. Holger Petzolds Fernand fällt immer wieder glaubwürdig in Ohnmacht, ein Granatsplitter im Kopf ist die Ursache für diese Aussetzer. Ist er bei Bewusstsein, so hält sich der elegante Alte a- liebsten aus den Ränken der beiden anderen heraus.

Sich heraushalten freilich ist Gustaves Sache nicht: Die Rolle des seine Lebensangst meisterhaft versteckenden Grantlers spielt Heinz Meier einfach großartig. Es ist ein Genuss, diesem Schauspieler zuzusehen, wie er sich Zeit nimmt für jede Geste, wie er Gustaves Sätzen in vielen Tonlagen nuancenreich Bedeutung verleiht, wie er selbst schweigend durch seine Präsenz dies geistreich-witzige, melancholisch-poetische Stück vorantreibt. Regisseur Anatol Preissler, dessen Verdienst es ist, sich hier auf pure Schauspielkunst verlassen und allem Schnickschnack eine Absage erteilt zu haben, verrät im Programmheft, er vermute, der französische Autor habe das Stück unbewusst für Heinz Meier geschrieben... Das Publikum dankte dafür mit lang anhaltendem Applaus. (Heidi Ossenberg, BZ)


Badische Zeitung vom 24.07.2009

Der zerbrochne Krug von Heinrich von Kleist

Das Corpus Delicti ist ja nicht zu übersehen. In seiner ganzen missgestalteten Hässlichkeit ragt Adams Klumpfuß ins Bild, wenn er ihn stöhnend und ächzend über das Geländer der Steintreppe im Freiburger Rathausinnenhof wuchtet. Schuh kann man dieses monströse braune Gebilde mit abschüssiger Plateausohle kaum noch nennen: Mit so was geht man den Weg zur Hölle. Oder klettert auf den Richterstuhl. Wenn der Bock zum Gärtner wird: Davon handelt Heinrich von Kleists Lustspiel "Der zerbrochne Krug", nach 1994 (mit Klaus Spürkel) zum zweiten Mal das Open-Air-Sommerstück des Wallgraben Theaters – und Heidemarie Gohde (Regie und Bühne) hat bei ihrer Inszenierung offenbar eine Frage umgetrieben: Wie zum Teufel ist es möglich, dass der Sündenfall des alten und neuen Adam, des verlobten jungen Mädchen lüstern nachstellenden Huisumer Dorfrichters, so lange unter der Decke gehalten werden kann?

Denn noch mehr mit Händen zu greifen ist es nicht, dass hier einer über sich selbst – und nicht, wie er vorgibt, über andere zu Gericht sitzt. Alle, wirklich alle Indizien sprechen gegen ihn. Schwerstens zugerichtet humpelt Hans Poeschl in weißem Unterzeug der Verhandlung entgegen, die seine Machenschaften ans Licht (nicht umsonst heißt Adams durchtriebener Schreiber so) bringen müsste, stattdessen mit einem krassen Fehlurteil endet. Die Wange blutunterlaufen, ein zweites Wundmal am – für eine solche Paraderolle müssen Opfer gebracht werden – kahlrasierten Hinterkopf, ein aufgerissenes Schienbein: Gezeichneter kann einer nicht sein, der auf frischer Tat ertappt und zwei übern Kopf gekriegt hat, bevor er ins Weinspalier stürzte, wo zu allem Überfluss auch noch seine Perücke hängenblieb. Zeig her deine Sünden: Ein Detektiv braucht hier keinen Spürsinn.

Und doch, oh Wunder: Es windet sich der Richter mit abenteuerlichsten Lügen und fadenscheinigsten Ausflüchten aus der Schlinge, die er sich selbst gelegt hat. Am Ende rettet ihn die "Ehre des Gerichts", jene gesellschaftliche Institution, deren unbestechlicher Repräsentant der Gerichtsrat Walter ist – Kleist hatte, wie man sieht, eine Vorliebe für sprechende Namen."Recht gut und treu" lautet – welcher Hohn – die Inschrift, die Adams überdimensionalen Richterstuhl ziert. Für dieses Instrument der Rechtsfindung ist dieser Staatsbeamte buchstäblich zu klein: Und so wirkt Poeschls herrlich bauernschlauer Adam, wie er auf dem Möbelstück herumlümmelt, mal lässig die Beine über die Armlehne wirft, mal auf der Sitzfläche ganz nach hinten rutscht und dabei wie ein Kleinkind aussieht, das mit den Füßen noch lange nicht den Boden erreicht, wie eine Karikatur seiner selbst. Überhaupt arbeitet die Regisseurin, die den Streitfall um einen zerbrochenen Krug aus den Niederlanden des 17. in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verlegt hat (Kostüme: Eva von Reumont) mit Übertreibungen und grotesken Zuspitzungen: Am schönsten kommt die Überzeichnung ins Satirische bei Adrian Hagengurths messerscharf mittelgescheiteltem Schreiber Licht zum Tragen. Wenn er sich mit Beflissenheitsknieschlenker als Nachfolger Adams empfiehlt: In dieser kleinen choreographischen Geste bündelt sich eine ganze Aufsteigermentalität. Schön auch, wie die Sündenfarbe Rot als optisches Signal eingesetzt wird: von Adams Schuhsohlen über Lichts Kugelschreiber und Ruprechts Schnürsenkel bis zu Walters Merkbüchlein: Alles leuchtet. Aber nur ein bisschen.

Solche kleinen Details machen Freude und zeugen von der Genauigkeit, mit der hier gearbeitet worden ist. Freude macht auch der immer zartdunkler werdende Himmel über den Zuschauern und der Glockenschlag, der ins Spiel aufgenommen wird. Einmal fliegt ein einsames Glühwürmchen durch die Nacht. "Der zerbrochne Krug" ist bei allem tragischen Hintersinn einer universellen Vertrauenskrise (zwischen den Liebenden Ruprecht und Eve wie zwischen dem Bürger und "seinem" Staat) vor allem ein Fest für einen Schauspieler – und Hans Poeschl stürzt sich mit Verve und kontrollierter Spiellust ins komödiantische Fach: Sein Adam ist ein hinterfotziger Fiesling, der mit miesen Tricks und – zugegeben – blühender Fantasie seine Haut retten will. In Regine Effingers Marthe Rull steht ihm die selbstgerechte Empörung in Person gegenüber: Diese rechtschaffene Witwe lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen und die Stimme nicht verbieten – im Gegensatz zu Aline Joers’ verschüchterter Eve, ein armes Hascherl, das die böse Welt nicht versteht – erst recht nicht die plumpen Anschuldigungen ihres tumben Verlobten (Maximilian Popp), der nichts von ihrer Treue begriffen hat. Mit fast britischem Understatement gibt Christian Lugerth den Maître du Jeu. Gabriele Zinks Frau Brigitte setzt als komische Alte einen furiosen Schlusspunkt. Kleist lebt – diese sehr sehenswerte Aufführung tritt den Beweis an. BZ, Bettina Schulte)


Badische Zeitung vom 13.07.2009

Offene Zweierbeziehung von Dario Fo und Franca Rame

Zelebriertes Eheunglück

Die beiden Piktogramme auf dem Programmzettel geben bereits den entscheidenden Hinweis: Sowohl das männliche wie auch das weibliche Ikon tragen Verbände und Pflaster. Wir haben es doch gewusst – ohne Verletzungen geht es zwischen Mann und Frau nicht ab. Aber halt: So grundsätzlich wollten wir das Thema ja gar nicht angehen. Eine Beziehungskisten-Komödie, kein L(i)ebenserfahrungsbericht, steht auf dem Programm im Freiburger Wallgraben-Theater. Eine Komödie zudem, die seit den 80er Jahren ein Bühnen-Hit ist: "Offene Zweierbeziehung" vom Literaturnobelpreisträger Dario Fo und seiner Frau Franca Rame.

Es geht auf der nur mit ein paar Klappstühlen bestückten Bühne um Antonia und ihren Ehemann, der in Tim Lucas’ Adaption des Stoffes "namentlich nicht genannt werden will". Nicht, dass Anonymität hier grundsätzlich von Bedeutung wäre. Die offene Zweierbeziehung wird zur öffentlichen Zweierbeziehung, denn Claudia Hübbecker und Miguel Abrantes Ostrowski spielen ein Paar, das seine fatale Beziehung in einer Therapie aufarbeitet. Die (ebenfalls von ihnen verkörperten) Therapeuten freilich drücken sich vor der Analyse dieses schwierigen Falls von Eheunglück. Sie scheinen zu wollen, dass das Publikum ihren Part übernimmt und so stimmen sie es mit Langhaar-Perücken und sanftem Psychosingsang vor dem Vorhang mit dem Kinderlied: "Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König" auf die zu erwartende Schlammschlacht ein.

Das funktioniert bei der Premiere schon fast unheimlich gut. Das Publikum lässt sich sofort auf die Rolle ein; ist nahezu gierig auf die in der folgenden Stunde abgespulten Streitmuster, auf die fein-fiesen Dialoge, die genüsslich zelebrierten Geschlechterklischees. Es wird viel gelacht über den Ehemann, der laufend fremd geht und das aufgeschlossene Verhalten, das er von seiner Frau verlangt, dann selber nicht zeigen kann, als sie sich endlich auch einen neuen Partner sucht. Hübbecker brilliert in der Rolle der mal suizidgefährdeten, mal abgeklärten betrogenen Ehefrau, Ostrowski gibt dem testosterongesteuerten Ehemann angemessene Arroganz. Der Abend brachte keine neuen Erkenntnisse – so konnten Mann und Frau sich in den alten Vorurteilen prima bestätigt fühlen.


Badische Zeitung vom 22.05.2009

Indien von Josef Hader und Alfred Dorfer

Heinzi kaut um sein Leben

Ordinäre Flüche, Zoten, Schimpfwörter – stubenrein ist das nicht. Aber a bisserl derb muss man´s schon vertragen können, schließlich spielt die Tragikomödie "Indien" (Uraufführung Wien, 1991) im ländlichsten Niederösterreich, in einer endlosen Reihe trostloser Wirtshäuser, wo zwischen Bierkrügen und Schnitzeltellern dicke Fliegen ihre Beine putzen. So was halten echte Männer nur aus, wenn sie auch mal verbal und dursttechnisch über die Stränge schlagen dürfen. Doch was sich unter dieser wurstigen Wüstheit versteckt, hat doch menschliche Güte: Dank einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft blitzt tatsächlich immer wieder ein Stück Himmel auf.

Deswegen wird das Zweipersonenstück der österreichischen Kabarettisten Josef Hader und Alfred Dorfer seit seiner erfolgreichen Verfilmung 1993 von Berlin bis Basel gespielt. Nun ist es auch im Gewölbekeller des Freiburger Wallgraben Theaters angekommen. Sinnigerweise hat das Haus dafür den Freiburger Gastregisseur Christian Bronder gewonnen, der seit vielen Jahren mit illustren Kabarettisten arbeitet. Und weil eine niederösterreichische Groteske mit ihrem hintersinnigen Schmäh weder auf Hochdeutsch noch auf Badisch funktioniert, sind mit Otto Beckmann und Peter von Fontano zwei echte Mundartler auf der Bühne.

Diese zeigt sich trotz häufiger Umbauten als Wirtshaus-Mikrokosmos der untersten Kategorie: In Variationen gibt es Durchreiche, Holztische und an der Wand wahlweise Geweih oder Bergpanorama. Darunter sitzt Restaurant- und Gaststätteninspektor Heinzi Bösel und kaut um sein Leben: Wortkarg, vierschrötig, versoffen und voll dumpfbackiger Aggressivität.

Wunderbar und fast schon erschreckend authentisch, wie Peter von Fontano diesen schnitzelvernichtenden Grobschnittmacho auf die Bühne bringt. In krassem Kontrast dazu Kollege Kurtl (Otto Beckmann): Ein übereifriger Schwafler und pseudointellektueller Küchenpsychologe, der sich die Welt mit abstrusen Philosophien zurechtlabert und Indien als das Land der lächelnden Weisheit entwirft. Diese beiden tingeln auf gemeinsamer Dienstreise durch die Provinz: Schweigen sich an, reden aneinander vorbei, nerven, streiten und besaufen sich, ärgern die Wirte (Jochen Haas), kommen sich näher und wagen schließlich die Freundschaft.

Feinfühlig hält die Inszenierung den Spagat zwischen klamottigem Komödienstadl und zartbitterer Groteske (Musik: Attwenger.) Mit Situationskomik, Wortwitz und einer punktgenauen Körpersprache entspinnt sich ein Stück kabarettistisches Kammertheater, das gerade in seiner lausigen Alltäglichkeit jede Menge Spaß macht. Lebt der erste Akt von der explosiven Spannung zwischen den beiden unterschiedlichen Charakteren, verliert sich diese nach der Pause. Denn es gibt einen – vielleicht zu – abrupten Stimmungswechsel: Ausgerechnet der gesundheitsbewusste Kurtl liegt mit unheilbarem Hodenkrebs im Krankenhaus. Selten findet Sterben auf der Bühne statt, hier entwickelt sich aus Galgenhumor ein zärtlicher Blick auf das Wesentliche. Denn im Angesicht des Todes brechen Phlegma und Lack: Das ruppige Ekelpaket mutiert zum herzlichen Lausbub, der Schnösel zum Helden. Indien ist nah – sogar in Niederösterreich.


Badische Zeitung vom 11.04.2009

Der Tod und das Mädchen von Ariel Dorfman

Eine Frau demütigt ihren Peiniger

Das Stück auf der Bühne des Wallgraben-Theaters beginnt mit einem symbolhaften Bild: Eine Frau im Nachthemd erscheint, sie drückt sich an der Wand entlang bis zu einem bestimmen Punkt, verharrt dort und lauscht. Von hinten fällt Licht auf ihre Gestalt — Licht, durchbrochen von einem halb geschlossenen Rollo. Das hell-dunkle Muster, das sich auf dem weißen langen Hemd auf dem Rücken der Frau abbildet, scheint die Frau wie hinter Gefängnisgitter zu bannen, unterteilt sie gleichzeitig in einen lichten und einen dunklen Teil, macht sie für ihre Mitmenschen rätselhaft und durchschaubar zugleich.

Die Frau heißt Paulina Escobar, gespielt wird sie von Regine Effinger. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Rechtsanwalt Gerardo (Peter Haug-Lamersdorf), in einem abgelegenen Haus irgendwo in Südamerika. 15 Jahre bevor das Stück "Der Tod und das Mädchen" von Ariel Dorfman einsetzt, war Paulina Opfer eines mittlerweile abgesetzten totalitären Regimes. Sie ist gefoltert und vergewaltigt worden — hat aber überlebt. Dabei hat sicher Gerardo geholfen, der Paulina ein liebevoller Ehemann ist, aber auch auf seine (männlich-rationale) Weise versucht, die Vergangenheit aufzuarbeiten und die Demokratie zu stützen. Als Vorsitzender eines Ausschusses will er die Foltermethoden des Unrechtssystems öffentlich machen.

Eines Abends hat Gerardo eine Autopanne. Der Arzt Roberto Miranda (Andreas Sindermann) hilft ihm und gelangt so in Paulinas und Gerardos Haus. An seiner Stimme erkennt Paulina ihren Peiniger von damals. Sie beschließt, ihm den Prozess zu machen, fesselt ihn an einen Rollstuhl, bedroht ihn mit einer Pistole und beginnt, ihn zu quälen und zu demütigen — wie sie vor 15 Jahren von ihm gequält und gedemütigt worden ist.

Für das Wallgraben-Theater, bekannt für niveauvolle Boulevard-Stücke, ist die Inszenierung eines solch politischen Psychodramas eher ungewöhnlich. Regisseur Hans Poeschl kann sich zum einen auf drei präzise agierende Schauspieler verlassen. Zum anderen gelingt es ihm, neben der politischen auch die persönlichen Aspekte dieses teilweise erschütternden Kammerspiels herauszuarbeiten. Schon der Dialog des Ehepaares vor dem Auftauchen von Miranda zeigt, dass das, was einem Menschen von einem Regime angetan wurde, immer auch Wunden schlägt in die Beziehungen zu den Menschen, die dem Opfer am nächsten stehen. Nie kann ein Leben nach Folterung und sexueller Gewalt mehr so sein, wie es zuvor gewesen ist.

Diese Botschaft ist es, die Paulina lebt. Regine Effinger spielt sie als zwar innerlich unheilbar verletzt, aber unbedingt lebenswillig. Paulinas Stärke und Radikalität hat Dorfman in manchmal erschreckend klare, auch vulgäre Sprache gepackt. Paulina hat die Angst der Gesellschaft — repräsentiert durch ihren Ehemann — vor den überlebenden Opfern erkannt. Und diese Angst will sie Gerardo, dem sie vorwirft, nur den Toten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nehmen: indem sie selbst urteilt, auch rächt.

Kann Folter ein Mittel zur Wahrheitsfindung sein? Das Stück stellt viele Fragen wie diese — und Hans Poeschl ist klug genug, keine fertigen Antworten zu geben. Auf einer sparsam nur mit einigen Sitzgelegenheiten ausgestatteten Bühne ist vor allem Raum für Sprache und Spiel; die differenzierte Lichtregie, welche die Szenen durch komplette Verdunkelung voneinander trennt, verhilft dem Zuschauer zu Atem- und Denkpausen. Langer Applaus für eine beeindruckende Ensembleleistung (Heidi Ossenberg, BZ)


Badische Zeitung vom 29.01.2009

Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza

Fabelhaftes Ensemble

Ein Stück, das wie geschaffen ist für das Freiburger Wallgraben-Theater: kein Bühnenaufbau, keine komplizierte Handlung, kein Ausstattungsaufwand. Ein Kammerspiel für zwei Paare – das eine, auf der intimen Bühne schon mehrfach bewährt im ehelichen Psychodrama, um ein zweites verdoppelt zum Quartett infernal. Zwischen Kunstbänden, Apfelbirnenkuchen und Tulpenbuketts klafft plötzlich ein Loch in der durch höfliche Konversation beschworenen Gesittung. Der zunehmenden Verwilderung im Gebaren zivilisierter mittelalter Mitteleuropäer folgt man mit voyeuristischer Schadenfreude. Doch Vorsicht: Es könnte jeden treffen.

"Der Gott des Gemetzels" ist das jüngste geniale Stück der zu Recht erfolgreichsten französischen Dramatikerin Yasmina Reza, die zuletzt den Wahlkämpfer Nicolas Sarkozy aus nächster Nähe wie eine fremde Spezies beobachtet hat ("Frühmorgens, abends oder nachts"). Wie keiner Zweiten gelingt es Reza in ihren Dramen, ihre Feldstudien zur Bewusstseinslage des eingebildeten Bildungsbürgers in scharfzüngige, ätzend komische Dialoge zu gießen: ein gefundenes Fressen für Schauspieler, die die Freude an geschliffenen Formulierungen noch nicht verloren haben. Das Kellertheater am Rathaus ist auf Reza abonniert. "Der Gott des Gemetzels", das in der Regie von Heidemarie Gohde als Freiburger Erstaufführung zu sehen ist, ist nach "Drei Mal Leben" und "Kunst" der dritte Reza-Streich.

Ein – wieder – überaus geglückter: Mit Regine Effinger und Hans Poeschl sowie den Gästen Sabine Bräuning und Peter Pruchniewitz spielen sich haargenau die Richtigen die Sätze zu wie gemein geschnittene Tischtennisbälle – auf einer Bühne, aus der die Regisseurin mit einer halbrunden schmalen weißen Bank vor einer hellen Stoffwand einen nicht sonderlich gastlichen Wohnungsvorraum gemacht hat. Hier hält man sich nur vorübergehend auf, auf einen Drink, für einen Espresso – länger war die Zusammenkunft der Paare nicht gedacht. Außer auf dem Arme-Sünder-Bänkchen kann man höchstens noch auf den reihenweise aufgestapelten Kunstbänden sitzen: Die Herrin des Hauses Véronique Houillé ist überaus kulturbewandert. Damit nicht genug: Sie engagiert sich mit gutmenschlicher Inbrunst für die gerechte Sache der Geknechteten dieser Erde. Deswegen reagiert sie besonders allergisch auf Gewalt. Obwohl: Es ist ja eigentlich nur eine Prügelei zwischen zwei Elfjährigen, bei der der eine – Verós Sohn Bruno – zwei Zähne verloren hat. Die Eltern der Streithähne sind zusammengekommen, um die Sache in gutem Einvernehmen zu regeln.

Das Vorhaben entgleist – und zwar gründlich. Nach einer Schlacht nicht nur mit Worten bleiben die vier seelenwund zurück. Eine kathartische Wirkung der Gefühlseruptionen ist mehr als zweifelhaft. Für den unkontrollierten Ausbruch aus den Konventionen ist vor allem Sabine Bräuning zuständig: Ihre Annette Reille, Mutter des kleinen "Bösewichts" Ferdinand und Ehefrau des am Handy wie ein Junkie an der Spritze hängenden skrupellosen Anwalts Alain (bei Hans Poeschl ein Zyniker der leisen Töne), verliert früh die Fassung, als sie auf den wertvollen Kokoschka-Katalog und das Nadelstreifensakko ihres Mannes kübelt. Nach dem Genuss von Rum in Strömen löst sie ihre wallende Mähne auf, stürzt sich wie eine Megäre auf ihr Hassobjekt Nummer eins und versenkt es in der Vase, bevor sie die dazugehörigen Blumen niedermetzelt.

Die Steigerung von der braven Gattin im adretten Kostüm zur Wüterin gelingt Bräuning famos – sie ist das Gegenstück zur noch im fassungslosen Weinen beherrschten Véronique Regine Effingers, die ihrer grenzenlosen Enttäuschung über das moralische und geistige Mittelmaß ihrer Umgebung mit Blicken Ausdruck verleiht, die töten können. In ihrem Mann Michel, einem Großhändler unter anderem für Klospülungen, findet sie das dankbarste Objekt ihrer Verachtung – und Peter Pruchniewitz wirft sich mit Wonne in die Rolle des feigen Spießers, der nachts heimlich den Hamster seiner Tochter aussetzt. Die Wildnis ist mitten unter uns: So bitterböse vergnüglich wird einem diese Botschaft selten nahe gebracht. Yasmina Reza sei Dank – und dem fabelhaften Ensemble des Wallgraben-Theaters.(BZ, Betina Schulte)


Badische Zeitung vom 11.12.2008

Mondlicht und Magnolien von Ron Hutchinson

Wäre dies eine fiktive Geschichte, so würde man dem Autor eine überbordende Fantasie attestieren. Und überdies mangelnden Sinn für die Realität. Aber es ist eine – zumindest in weiten Teilen – wahre Geschichte: Wie aus Margaret Mitchells Südstaatenepos "Vom Winde verweht" der kommerziell erfolgreichste Hollywoodfilm aller Zeiten wurde – ausgezeichnet zudem mit zehn Oscars. Der amerikanische Drehbuchautor Ron Hutchinson hat aus dieser wahren Begebenheit die hintergründige Komödie "Mondlicht und Magnolien" gemacht, die Robert Klatt jetzt auf die Bühne des Freiburger Wallgraben-Theaters brachte – mit, das darf hier schon verraten werden, großem Erfolg.

Der Produzent David O. Selznick hat 1936 die Filmrechte an Mitchells Roman gekauft – er ist fest davon überzeugt, aus dem Stoff einen Kassenschlager machen zu können. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg: Das Drehbuch ist in ersten Fassungen viel zu lang, der Regisseur George Cukor versteht sich nicht mit dem Hauptdarsteller Clark Gable. Um die Besetzung der Scarlett O’Hara gibt es Zickenkriege und sogar nationale Aufregung. Selznick bricht die Dreharbeiten ab und engagiert eine neue Crew – den Drehbuchautor Ben Hecht und den Regisseur Victor Fleming. Hier setzt dann das Theaterstück ein. Der Produzent hat die beiden an einem Morgen um sechs Uhr in sein Büro einbestellt.

Die Männer, die da aufeinandertreffen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Der politisch denkende, feingeistige Jude Hecht (Andreas Sindermann), der Liebesgeschichten nicht mag. Der eher grob gestrickte, ein wenig phlegmatische Hollywood-Emporkömmling Fleming (Jörg Nadeschdin), der tut, was sein Boss will. Und der Produzent Selznick (Peter W. Hermanns), ein Machtmensch, der sich von seinem Instinkt leiten lässt und keinen Widerspruch duldet. Und dennoch verbindet die drei eines: die absolute Leidenschaft für den Film.

Selznick zwingt die beiden anderen Männer, fünf Tage bei Bananen und Erdnüssen in seinem passend von einer symbolischen Filmrolle umrahmten Büro zu verbringen, um endlich ein verwertbares Drehbuch zu erstellen. Weil Hecht nicht einmal den Roman gelesen hat, müssen Fleming und Selznick ihm die Schlüsselszenen vorspielen. Diese Situation ist so absurd wie komisch – und manchmal, wenn Selznicks dusselige Sekretärin (Sybille Denker) die Szene betritt, um die Befehle ihres Chefs entgegenzunehmen, kippt das Stück gefährlich in Richtung Slapstick. Doch die vier guten Schauspieler reißen das Steuer mit ihrem temporeichen, differenzierten Spiel immer wieder herum. Das Stück besteht neben turbulenten Szenen auch aus ruhigen, fast nachdenklichen Sequenzen, die Klatt dank behutsamer Personenregie fein herausspielen lässt. Und so gerät "Mondlicht und Magnolien" zu einem unterhaltsamen Theaterabend, der sogar Lust macht, "Vom Winde verweht" ein weiteres Mal anzuschauen – vielleicht nicht heute, sondern, wie Scarlett zu sagen pflegt: "Morgen ist auch noch ein Tag".


Badische Zeitung vom 14.07.2008

Der tollste Tag von Peter Turrini

Der korrupt-despotische Adel und das darunter leidende Volk — konkret: die darunter leidende Dienerschaft: Als bissige Satire auf die damaligen gesellschaftlichen Gegensätze in Frankreich hat Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais sein Stück "Der tolle Tag — oder Die Hochzeit des Figaro" geschrieben. Keine direkte politische Anklage, kein erhobener Zeigefinger, keine gekränkte Bitterkeit sollte das Stück durchdringen — vielmehr wurden die Damen und Herren des Adels der Lächerlichkeit preisgegeben. Dank Wolfgang Amadeus Mozart und dem Librettisten Lorenzo da Ponte überlebte der Stoff die vergangenen beiden Jahrhunderte — zudem erarbeitete der österreichische Dramatiker Peter Turrini Anfang der 1970er Jahre eine Komödienversion für die Theaterbühne. Das Freiburger Wallgraben-Theater hat sich Turrinis "Der tollste Tag" nun als 33. Sommerstück für die Rathaushofspiele ausgesucht, Regie führt Robert Klatt. Der holt aus der haarsträubend-verstaubten Geschichte vom Grafen Almaviava, der der Zofe seiner ihm langweilig gewordenen Gattin nachstellt und diese partout vor ihrer Hochzeit mit seinem Diener Figaro vernaschen will, alles heraus, was herauszuholen ist: Klatt setzt auf den Sprachwitz des Stückes, auf den Charme von leicht überdrehten Verwechslungskomödien, auf die unterhaltsame Wirkung von gesponnenen Intrigen sowie auf Humor und Leichtigkeit. Dabei kann er sich in allen Punkten auf sein Ensemble verlassen. Hans Poeschl spielt den Grafen als testosterongesteuerten Dummkopf, der ohne seinen Intriganten Bazillus (mit köstlich blasierter Arroganz: Peter W. Hermanns) völlig lebensuntüchtig wäre. Regine Effinger gibt der vernachlässigten Gräfin die angemessene Portion Eleganz und Würde. Als sie, um den Gatten im Garten an der Nase herumzuführen, in Zofe Susannes Dienstbotenkleid schlüpft und die schneeweiße Turmperücke der Adeligen durch eine blonde Zöpfefrisur ersetzt, wird Regine Effinger zur agilsten Figur auf der ganzen Bühne. Tempo- und variantenreich agieren auch Olga Heinz als Susanne und Tim Riedel als Figaro. Heinz, die zum ersten Mal für das Publikum des Wallgraben Theaters spielt, findet für ihre Zofe die richtige Mischung aus Demut und Frechheit. Ein weiterer Wallgraben Debütant ist Tino Leo, der mit Bravour die Herausforderung der Doppelrolle des Pagen Cherubin und des Richters meistert. Dass die Gerichtsszene dennoch ein wenig zu klamaukig daherkommt, kann dem erst Mitt- Zwanziger nicht angelastet werden. Hier wird das Bemühen des Stückeschreibers zu zeigen, wie unmöglich es ist, in einem absolutistischen Gesellschaftssystem Recht zu sprechen, so überzeichnet, dass es nicht mehr lächerlich wirkt, sondern langweilt. Dies Gefühl jedoch vergeht so schnell wie es gekommen ist: Vor allem, wenn eine weitere Perückenträgerin auf die Bühne stolziert, die Mätresse Marcelline, gespielt von Lisbeth Felder. Mit erstaunlicher Anmut trägt Felder ihre doppelstöckige, rote Turmfrisur und ihr Brautkleid ähnliches Kostüm, das sie wie ein Sahnebaiser aussehen lässt. Die aufwendigen Kostüme, für die Eva v. Reumont im 18. Jahrhundert Maß genommen hat, tragen viel zur Unterhaltung des Abends bei. In der aus wendbaren Trennwänden und wenigen Sitzgelegenheiten sowie einem Tisch bestehenden Bühne (Mitchel Raper) haben die Schauspieler angemessen Platz, ihrer Spielfreude Ausdruck zu verleihen. Dafür bedankte sich das Premierenpublikum mit langem Applaus. (Heidi Ossenberg, BZ)


Badische Zeitung vom 30.05.2008

Riverside Drive von Woody Allen

Jahreskarte für die Psychatrie

(Heidi Ossenberg, BZ)

"Sie sind nur der Neurotiker, ich bin der Psychopath! Sie können noch von mir lernen!" Hätten wir vorher nicht gewusst, worauf wir uns einlassen an diesem Abend, spätestens jetzt hätten wir einen Verdacht gehabt: Sätze dieses Kalibers stammen von Woody Allen, dem Stadtneurotiker schlechthin, der in alle seine Theaterstücke und Filme versponnen-intellektuelle Betrachtungen über das menschliche Miteinander einfließen lässt, der es wie kein anderer versteht, Poesie, Philosophie und Psychologie zu skurriler Unterhaltung zu verbinden.

So gibt es in seinem 2003 uraufgeführten Einakter für drei Schauspieler, "Riverside Drive" , den Christian Bronder jetzt für das Wallgraben Theater inszenierte, über weite Strecken nur die beiden "Sorten Mensch" : Den Neurotiker Jim, einen Schriftsteller mit Eheproblemen, und den Psychopathen Fred, einen promovierten Literaturwissenschaftler, der am Leben gescheitert ist.

Die beiden treffen sich - natürlich - in New York, ganz zufällig am Fuße des Hudson-River. Bronder hat die Kellerbühne des Wallgraben Theaters dafür in schmuddeliges Grau gehüllt und die Wände mit einer groben Steinmauer belegt. Martin Herse als Jim und Hans Poeschl als Fred agieren in diesem düster-kühlen Tunnel, nur eine Metallstange trennt sie vom unterirdisch plätschernden Fluss. Der nahezu nackte Raum zwingt die Schauspieler dazu, sich voll und ganz auf die Dialoge zu konzentrieren, auf das Miteinander, den Austausch, die Missverständnisse. Von Letzteren gibt es unendlich viele im Stück: Fred etwa glaubt irrtümlich, Jim habe die Idee zu seinem letzten Buch, das auch verfilmt wurde, von ihm gestohlen. Denn das Stück erzählt die Geschichte eines Mannes, der "eine Jahreskarte für die Psychiatrie gezogen hat" - wie Fred. "Sie haben mir mein Leben gestohlen!" wütet der. Und dafür will er nun mit viel Geld entschädigt werden. Was Jim natürlich ablehnt. Jim wiederum hat seiner Geliebten Barbara (Claudia Sutter) seines Wissens nach nie versprochen, ihretwegen seine Frau und die Zwillinge zu verlassen. Um mit Barbara Schluss zu machen, hat er sich mit ihr am Fluss verabredet. Barbara allerdings sieht die Sache anders und verlangt nun wenigstens einen finanziellen Ausgleich für die erlittene Schmach als verlassene Geliebte.

Das kurzweilige Stück, das sich, wie bei Woody Allen so oft, zum Ende hin zu einer Kriminalkomödie wandelt, lebt vom Zusammenprall der drei völlig unterschiedlichen Charaktere. Hans Poeschl spielt den durchgeknallten Fred mit souveräner Mischung aus wütender Unberechenbarkeit und cooler Abgeklärtheit. Der Grad von Freds Verwahrlosung und seines Verlorenseins in der Welt wird durch das zerstrubbelte Haar und den DreiTage-Bart nur angedeutet - alles andere besorgt die unmissverständliche Sprache. Martin Herse hat es nicht so leicht, seinem Jim ein eigenes Profil zu geben, doch spielt er sich im Laufe des Abends warm. Seine Figur ist weniger offensichtlich angelegt, er muss einem blassen und zaudernden Charakter Leben einhauchen und sichimLaufe des Stückes viel stärker wandeln als Poeschl. Die junge Schauspielerin Claudia Sutter legte in der Premiere Barbaras Überlegenheit Jim gegenüber manchmal eine Spur zu hastig an. Insgesamt aber passt sie als berechnende Zicke gut zu dem verrückten Männer-Duo.

Für das ganze Team gab es begeisterten Beifall.


Badische Zeitung vom 18.04.2008

Falsche Schlange von Alan Ayckbourn

Temporeich inszeniert und mit viel Spielfreude umgesetzt, wird daraus ein überraschender Theaterabend. Was kann man mehr wollen?

(Heidi Ossenberg, BZ)

Oh, ja, Schwestern können sehr verschieden sein! Selbst, wenn sie gemeinsam in einem Haus aufgewachsen sind und die selbe Erziehung genossen haben. Umso spannender, ja abgründiger kann das schichtweise Häuten der Charaktere sein, das Alan Ayckbourn in seinem 2002 uraufgeführten, jetzt am Freiburger Wallgraben-Theater gezeigten Drei-Frauen-Stück "Falsche Schlange" so überaus kunstvoll beschrieben hat.

Annabel und Miriam sind so ein Schwesternpaar, das unterschiedlicher kaum sein könnte. Annabel (Regine Effinger), die ältere, ist eine modisch-elegant auftretende, gradlinige, selbstbewusste, starke Frau, die schon früh das Elternhaus verlassen hat, weil sie sich nie mit dem strengen, sturköpfigen Vater verstanden hat. Bis nach Tasmanien ist sie geflüchtet, dort hat sie ein Geschäft aufgebaut, geheiratet und sich wieder getrennt. Mehr als 30 Jahre ist sie nicht im Elternhaus in England gewesen - wozu auch?

Miriam (Sybille Denker) hingegen hat all die Jahre genau dort ausgeharrt. Das naiv und leicht trampelig wirkende Blondchen war dem Vater und einer gewissen Tante Gwen ein gutes Kind; freilich hat sie weitgehend versäumt, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Nun treffen die Schwestern erstmals als Erwachsene zusammen, drei Wochen nachdem der Vater gestorben ist. Überraschenderweise hat Annabel Haus und Vermögen geerbt, Miriam, die ihn versorgt hat, ist leer ausgegangen.

Dies scheint die Ausgangslage in dem Kriminalstück zu sein, das sich in der Regie von Peter W. Hermanns bis zur Pause als manchmal fast zu laute, flapsige Boulevardkomödie tarnt. Doch Vorsicht! Der Zuschauer sollte sich an diesem Abend lieber nicht auf das verlassen, was er hört und sieht. Zunächst kaum merkbar, dann mit immer mehr Nachdruck und Tempo nimmt die Geschichte ihren Lauf, nehmen die Dialoge an Schärfe zu, bilden sich unheilvolle Allianzen, macht sich das Grauen in der Idylle breit.

Als Annabel eintrifft, ist es im Garten noch sonnig und hell - wie sehr soll das immer diffuser, immer dunkler werdende Licht später die Atmosphäre hier vergiften. Die Rückkehr in die alte Heimat scheint Annabel einigermaßen außer Fassung zu bringen - Haus und Grund sind heruntergekommen, die Schwester ist nicht da, dafür wartet die noch zu Lebzeiten des Vaters gefeuerte Krankenschwester Alice (Gabriele Zink) auf Annabel und erzählt ihr eine schier unglaubliche Geschichte: Alice behauptet, Miriam habe den Vater umgebracht. Zum Beweis zeigt sie die Kopie eines Briefes des Vaters, der das schlimme Ende kommen sieht. Nun will Alice 100 000 Pfund dafür, dass sie diese Wahrheit, die Miriam unweigerlich ins Gefängnis bringen wird, nicht der Polizei verrät. Das Wiedersehen der Schwestern gestaltet sich nach dieser Eröffnung laut und hysterisch - erneut scheinen sich die beiden unterschiedlichen Charaktere vor den Augen der Zuschauer zu entpuppen: Annabel ist genervt, bewahrt aber Contenance; Miriam kreischt und weint. Und gibt die entsetzliche Tat zu.

Als Alice das finanziell deutlich abgespeckte Angebot der Schwestern empört zurückweist, muss sie dafür bezahlen. Gabriele Zink sorgt mit ihrer fast zirkusreifen Darstellung als vergiftetes Opfer für einen Höhepunkt des Abends - doch auch hier sollte der Zuschauer nicht glauben, die Trickkiste der erpressenden, rachsüchtigen, verlogenen und verletzten Frauen sei bereits ausgeschöpft. Mit stillem Bedauern belässt es die Rezensentin bei diesen vagen Andeutungen. So viel noch: Auch Sybille Denker und Regine Effinger bekommen nach der Pause noch Gelegenheit, ihren Figuren die Haut Schicht für Schicht abzuziehen. Was sich darunter befindet, ist wundgescheuertes, nacktes, pralles Leben. "Die uns allein gelassen haben, denen wollen wir wehtun" , sagt diejenige, die dem Stück seinen Namen gab: "Falsche Schlange" . Temporeich inszeniert und mit viel Spielfreude umgesetzt, wird daraus ein überraschender Theaterabend. Was kann man mehr wollen? (Heidi Ossenberg, BZ)


Badische Zeitung vom 07.03.2008

"Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von Edward Albee

Mit diesem Schauspielerpaar unbedingt sehenswert!

(Stefan Tolksdorf, BZ)

Lieben sie sich noch, und haben sie sich je geliebt? Wer am Sinn und Zweck der Ehe zweifelt, bekommt von diesen fatalen Sparrings-Partnern das letzte K.o.-Argument geliefert - und darf sich bei "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" aufs beste und böseste unterhalten. Die anderen dürfen sich freuen, von diesem Punkt (hoffentlich noch) weit entfernt zu sein. Rot ist die Bühne, des Freiburger Wallgraben- Theates, feuerrot. Nur das Curacao- Blau der pompös gestaffelten Alkoholika im Hintergrund setzt eine kühle Nuance: Feuer und Eis.

Zwischen diesen Polen eskaliert der Ehekrieg von Marta und George in einem Collegestädtchen irgendwo weit abseits vom "American Dream", kommt es zu einem mehr oder minder infantilen Hauen und Stechen um das Motiv eines verballhornten Kinderlieds: "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" Das gleichnamige Kammerstück des US-amerikanischen Dramatikers Edward Franklin Albee - 1962 uraufgeführt, und bisher sein bestes - ist spätestens seit der Verfilmung mit dem genialen Duo Elizabeth Taylor und Richard Burton zum Synonym der Ehehölle geworden. Ein Bühnenklassiker, der seinem Autor, der am kommenden Mittwoch 80 Jahre altwird, saftige Tantiemen einspielt.

Anatol Preissler inszeniert den brillanten Dauerbrenner jetzt in Idealbesetzung: Die sphinxhafte Regine Effinger gibt die ihre Aggressivität stetig steigernde Martha, ihr Bühnen- und Lebenspartner Hans Poeschl den lustvoll zumSchlappschwanz degradierten, schließlich zum finalen Schlag ausholenden Gatten George - in Haltung und herrlich zerquältem Gestus unweigerlich an Richard Burton erinnernd. Sarah-Jane Jansen und Otto Beckmann als jugendliche Partygäste und Pendant zumalternden Ehepaarwirken dagegen zunächst leicht hölzern, finden nach der Pause aber mühelos in die ihnen bestimmten Schlachtopferrollen (George: "Man braucht ein Schwein, um die Trüffel zu finden"). Wenn der Part des Alkohols schon rein optisch nicht zu unterschätzen ist, darf der mal schallend lachende mal betreten schweigende Zaungast dieses Ehedramas doch davon ausgehen, dass es sich - so oder anders - ständig wiederholt. Denn nur als pointensichere Tragikomödie ist den beiden das Zusammenleben überhaupt noch erträglich (George: "Martha und ich trainieren unseren Verstand").

Diese böse Freude am sarkastischen Schlagabtausch kosten die beiden Hauptdarsteller nach Kräften aus, so dass die Funken nur so fliegen. Dabei steht hinter ihren Figuren kaum verhohlener Selbsthass: Martha, Tochter des College-Präsidenten, definiert sich allein über ihren Mann, einen frustrierten Geschichtslehrer, der ihre Erwartungen nicht zu erfüllen vermochte - und ertrinkt ihre Angst vor dem Alter imAlkohol. George hat seine Hoffnung auf eine Gegen-Existenz als Romanautor begraben und sieht sich auf die masochistische Eherolle reduziert - nur als wortgewandter Sarkast und als Erfinder eines gemeinsamen Sohnes hält er die Fäden noch in der Hand. Doch auch die nächtlichen Gäste, der gut gebaute Biologiedozent Nick und seine heillos naive Frau, genannt Schatzi, bersten förmlich vor Neurosen - auch ihre Ehe basiert auf Verlogenheit. Schnell geraten sie von zufällig ausgewählten Zuschauern zu Mitakteuren jener Zimmerschlacht, die am Ende nur Verlierer kennt. Sind die ausgefeilten Verletzungsorgien nur Rituale gegen die tödliche Selbsterkenntnis und mörderische Langeweile zu zweit - verdrängte Todesangst? Von alldem spricht Regine Effingers Gesicht. Neben sarkastisch funkelndem Wortwitz liegt die Stärke dieses Stücks in seiner Irritationskraft: Wahrheit und Fiktion verschwimmen in den Dialogen zur Unkenntlichkeit. Was bleibt, ist der Schmerz darüber, dass es ein wahres Leben im Falschen nicht geben kann.


Badische Zeitung vom 09.11.2007

PingPong von Michael Frayn

Moderne Zeiten. Hätte Charlie Chaplin diesen Titel nicht schon für seinen 1936 uraufgeführten genialen industrialisierungskritischen Film verwendet, er würde auch zu der Komödie des Briten Michael Frayn passen, der jetzt im Freiburger Wallgraben-Theater Premiere hatte. Mensch und Technik - ein grundsätzlich ernstes Thema, das aber bei Frayn (Jahrgang 1933) so humorvoll zugespitzt wird, dass man gar nicht anders kann,

als sich zwei Stunden lang köstlich zu amüsieren.

In "Ping Pong" , wie das Stück nun tatsächlich heißt, erlebt der Zuschauer mittels sechs Einaktern die Quintessenz des alltäglichen Wahnsinns, den Anrufbeantworter, Telefonanlagen, batteriebetriebene Rauchmelder, elektronische Hotelschlüsselkarten oder bis zur Schmerzgrenze technisch verstärkte Musik in ihrem Leben auslösen.

"Pieeeep, Ping, Summmmm, Klingelllliing, Brummmm" - macht die Technik. Die beiden Ehepaare, die zusammen gekommen sind, um einen netten Abend bei Wein und Ofengericht zu verbringen, sind der nervtötenden Geräuschkulisse nicht gewachsen. In klassischer "Tür-auf-Tür-zu" -Manier eines Mini-Boulevardstücks, in dem es immer auf das punktgenaue Timing ankommt, agieren Regine Effinger, Gabriele Zink, Peter Haug-Lamersdorf und Martin Herse in ihren blau-roten Trainingsanzügen unter der Regie von Robert Klatt souverän konfus. Ein extrem mobiles Bühnenbild unterstreicht das, was die Gesellschaft heute neben technikbegeistert vor allem sein muss: mobil.

Erscheint die erste Szene vor allem deshalb so komisch, weil die Situation so übertrieben dargestellt wird, speist sich die zweite Szene aus einer realistischen Begebenheit: Bei einem offiziellen Anlass im Büro spricht der Chef, die stehenden Angestellten lauschen mit Sektglas und Teller in der Hand, Infomappe unter dem Arm. Nun sollen sie abwechselnd trinken, klatschen, blättern - ein Ding der Unmöglichkeit! Auf der Theaterbühne eine urkomische Slapstick-Turnübung die im Zuschauerraum mit schallendem Gelächter belohnt wird.

Allseits bekannt ? wenngleich wieder maßlos zugespitzt - die dritte Szene, in der ein Anrufbeantworter die Hauptrolle spielt - die eines Tyrannen wohlgemerkt! Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, dass man mittlerweile mehr Zeit mit den Anrufbeantwortern verbringt als mit ihren Besitzern? Temporeich, fast atemlos hat der Abend begonnen, nach der Pause geht es etwas ruhiger weiter. Erneut treffen zwei Paare aufeinander, die sich Wand an Wand in einem dieser ausstattungsmäßig austauschbaren Standard-Hotels einquartiert haben. Einzig das Badezimmer ist mal an der einen, mal an der anderen Seite des Raumes. In welchem Land man sich befindet? Das wissen die beiden Frauen nicht, schließlich hat der Ehemann die Urlaubsreise organisiert. Das Treffen der beiden Duos geht - erwartungsgemäß - nicht ohne Missverständnisse ab; die dünnen Wände und die nächtliche Jagd nach einer Mücke sorgen für Peinlichkeiten, die von den vier Schauspielern jedoch erneut so gemeistert werden, dass sie sich nicht bis in die Zuschauerreihen fortsetzt.

Zum Abschluss wird der Bogen zurück zur Eingangsszene geschlagen - der Zuschauer sieht, was vom Dinner for four nach der Schlacht mit dem ständig im falschen Zimmer klingelnden Telefon, dem Rauchmelder, dem Folterinstrument Korkenzieher und der Autoalarmanlage übrig geblieben ist. Viel ist das nicht. Herzlicher Beifall. (Heidi Ossenberg)


Pressestimmen vom 28.09.2007

Heinrich VIII von Bea v. Malchus

"..Persiflage, sparsam eingesetzte Anachronismen und die Qualität ihrer saloppen Dialoge tun ein Übriges. Die Erzählwelt dieser blaublütigen Freiburgerin macht süchtig." BAZ

"..atemlose Stille im Saal. Da sage noch einer: Geschichte sei nicht spannend!" KULTURJOKER

"Mit Heinrich VIII. gelingt von Malchus die grandiose Umsetzung eines historischen Stoffes" HESSISCHER RUNDFUNK

"In ihrer Publikumsentführung an den Hof Heinrichs des Achten gelingt Bea von Malchus ein kleines Meisterstück. Eine spannende, berührende und witzige Geschichtsstunde, die man nicht so schnell vergisst." SÜDKURIER


Badische Zeitung vom 16.07.2007

Es war die Lerche von Ephraim Kishon

Romeo mit Wärmflasche, Julia in Lockenwicklern

Momo nennt sie ihn - doch die zärtliche Anrede täuscht. Längst schon ist Romeo nicht mehr der beste Ehemann von allen für Julia. 29 Jahre sind vergangen seit der heimlichen Trauung in Pater Lorenzos kleiner Kapelle in Verona. Und aus dem größten Liebespaar aller Zeiten ist ein gleichgültiges Ehe- und Elternpaar geworden. Er erwacht mit einer Wärmflasche im Arm, der er den Namen Lisa gegeben hat, sie mit spitzen Lockenwicklern in den Haaren, die nicht zuletzt ihre emotionale Distanz zu Romeo deutlich machen. So wollte es Ephraim Kishon, der Anfang der 1970er-Jahre "Es war die Lerche" als Fortsetzung zu und Satire auf Shakespeares "Romeo und Julia" schrieb. Unter der Regie von Heidemarie Gohde spielt das Wallgraben Theater Freiburg das "heitere Trauerspiel" in diesem Jahr im Rahmen seiner 32. Rathaushofspiele.

Viel ist passiert in diesen Ehejahren, auf die das Paar, gespielt von Regine Effinger und Till Kretzschmar, mit Spott und Ironie, aber auch mit einer gewissen Verzweiflung zurückblickt. Romeo ist Ballettlehrer geworden; das Geld, das er verdient, reicht so gerade zum Leben, nicht jedoch, um seiner verwöhnten Gattin eine angemessene Behausung und ein Dienstmädchen zu finanzieren. Und so muss Julia, die sich mit ihrer reichen Mutter verkracht hat, alleine den Haushalt führen - und sich zudem um die pubertierende 14-jährige Lucretia kümmern. Das Kind macht den zänkischen Eltern Sorgen, thematisiert es doch mit kindlicher Grausamkeit und Scharfsinn den Zustand ihrer Ehe: "Ihr könnt euch nicht leiden. Romeo und Julia - was wisst ihr schon von der Liebe?"

Einer, der meint, von Liebe alles zu verstehen, ist der eigentlich längst verstorbene Dichter William Shakespeare. Dass die Sache mit dem geplanten dramatischen Tod seines jugendlichen Traumpaares Romeo und Julia so gescheitert ist, treibt ihn aus seinem Grab zurück nach Verona: "Aus meinem schönsten Liebesdrama ist ein Possenspiel geworden" , klagt Shakespeare (Hans Poeschl) angesichts des verkrachten Paares. Kurze Zeit sieht es so aus, als ginge Shakespeares Plan, Romeo und Julia doch noch im Tode friedlich vereint zu sehen, auf. . .

Kishons Stück, 1974 in Tel Aviv uraufgeführt, eignet sich vorzüglich für einen heiteren Theaterabend - wenn auch die Slapstickeinlagen manchmal ein wenig dick aufgetragen sind. Die Dialoge sind so spitzzüngig wie komisch. Kishon hat Alltagssprache mit dramatisierter Kunstsprache à la Shakespeare gemischt und lässt seine Protagonisten nicht nur Zitate aus "Romeo und Julia" sondern ebenso aus "Hamlet" oder "Macbeth" sprechen.

Die vom Autor so konzipierten übertrieben emotionalen und theatralischen Charaktere finden in den Wallgraben-Schauspielern ihre überaus passenden Entsprechungen: Regine Effinger gibt eine ebenso temperamentvoll-zickige Julia wie eine überspannte Lucretia wie eine liebestolle alte Amme. Till Kretzschmar brilliert als sexuell frustrierter, geldgeiler Versager Romeo und setzt als tollpatschiger, lüsterner Pater Lorenzo noch eins drauf. Hans Poeschl scheint sich als Frauenversteher Shakespeare und Theaterdirektor manchmal etwas zu bremsen ? freilich nicht, als er nach der Pause so überzeugend quer über die Bühne stirbt, wie es keiner seiner tragischen Helden besser hätte tun können. (Heidi Ossenberg)


Badische Zeitung vom 30.05.2007

Gretchen 89 ff. von

"Jetzt lass die Figur weg!"

"Gretchen 89ff" im Freiburger Wallgraben Theater: Lutz Hübners satirischer Blick in die Regie

Man kennt ihn allzu gut, ja teilt ihn vielleicht insgeheim, den Stoßseufzer der alten gutsituierten Dame zu Beginn der Vorstellung: "Hoffentlich spielen sie?s so, wie?s ist!" Aber wie ist es denn nun eigentlich?

Mit dieser berechtigten Frage lässt Lutz Hübner seine fidele Nummernrevue aus dem Backstage-Alltag der deutschsprachigen Bühnen beginnen. Zum Beispiel: beim Faust 1, "Gretchen 89ff" - so der Titel des Stücks, das im Freiburger Wallgraben Theater derzeit einen wirklich amüsanten Abend verspricht. Gemeint ist die berühmte Szene, da Gretchen jenes Kästchen voll Geschmeide findet, mittels dessen Faust die Angebetete ködern will. Für die Vergesslichen flimmert vor Aufführungsbeginn die Szene noch einmal in Peter Gorskis legendärer Hamburger Inszenierung an der Längswand herunter: "Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles!" ? Ach ja! Doch wie soll besagte "Schlüssel" -Szene denn nun gespielt sein? Das hängt vornehmlich von den Temperamenten zweier Menschen ab: Regisseur und Aktrice. 80 Minuten lang werden nun acht Varianten dieser Konstellation durchgespielt, wobei - wen wundert's - ein je anderes Stück entsteht.

Es treten auf und in Konflikt: die Anfängerin und der Schmerzensmann, das geile Tourneepferd mit Wiener Schmäh, der notorische Streicher, der Goethes Szene auf drei Sätze runterkürzt, die zickige Diva, die den verunsicherten Regisseur aus dem Probenraum und beinahe zum Wahnsinn treibt, der heillos freudianisch Infizierte und die hyperintellektuelle feministische Dramaturgin, die mit einem arbeitslosen Gretchen vorlieb nehmen muss und an ihm die Geschlechtsumwandlung probt. Nun könnte ein derartiger Szenenreigen leicht ermüden, wäre nicht Lutz Hübner einer der erfolgreichsten deutschen Dramatiker mit sicherem Gespür für Wortwitz und obendrein ein so gewiefter Insider, dass man ihm die exzentrischsten Theaternaturen ohne Wimpernzucken abnimmt; und wären nicht die Rollen mit Claudia Sutter als kniefällige Debütantin, Johann Jakoby als behäbigem Wiener ("Wenn man's im Blut hat, spielt sich's von selbst!" ), Sybille Denker als wuselige Dramaturgin ("Jetzt lass die Figur weg!" ), sowie dem auch Regie führenden Hans Poeschl als verquastem Möchtegernrebellen ("fleischlich denken!" ) nicht derart ideal besetzt. Selbst der schüchterne Hospitant Daniel Séjourné macht in seinem Miniaturpart eine propere Figur. Gewiss, diese witzige Replik auf die versandete Regietheater-Debatte kommt auf leichten Füßen, etwas spät und ziemlich harmlos daher - doch dürften sich Freunde wie Skeptiker der Regiekunst bei diesem Blick hinter Vorhang und Kulisse so köstlich amüsieren wie mancher Schauspieler.

Dacapo! (Stefan Tolksdorf )


Badische Zeitung vom 05.04.2007

Einfach kompliziert von Thomas Bernhard

Im Reich der Mäuse

Thomas Bernhards "Einfach kompliziert" mit Heinz Meier am Freiburger Wallgraben Theater

Ein Schreibtisch, ein Bett, zwei Stühle und ein Schaukelstuhl. Durch ein Fenster fällt Licht in das schäbige Zimmer, in dem dunkles Holz dominiert und dessen Wände einen frischen Anstrich nötig haben. Auf dem Boden hockt ein alter Mann mit einem Hammer in der Hand. Die Fußleisten hat er zugenagelt, denn von dort aus dringen Mäuse in sein Zuhause vor. Das Reich des gealterten Schauspielers in Thomas Bernhards Drama "Einfach kompliziert" am Freiburger Wallgraben Theater ist längst nicht mehr die Bühne. Ist nicht mehr Bochum oder Duisburg, wo er einst den skrupellosen König Richard III. spielte. Der alte Mann ist Theaterprinzipal allenfalls noch im Reich der Mäuse, über deren Leben oder Tod er bestimmen wird. Die Welt und das Leben gehen ihm verloren ? 82 Jahre ist er alt und hat seine ganze Familie überlebt. Der Schauspieler, dessen Namen wir nicht erfahren, mit dem wir aber in 90 Minuten einen ganzen Dienstag verbringen dürfen, ist verbittert und einsam. Er streitet mit seiner vor 20 Jahren gestorbenen Frau, er hadert mit Shakespeare, Schopenhauer, Versicherungsvertretern und dem Hausmeister. In für Thomas Bernhard typischen kategorischen Behauptungen grenzt er sich vehement ab gegen die Außenwelt: "Beim Hosenbügeln der Schlag getroffen" , liest er aus einer Zeitung vor. "Ein lächerlicher Tod!" Diese Abgrenzung und die gleichzeitige Anmaßung des eigenen "Klarwasserfanatismus" rettet den Schauspieler vor seinem Untergang. Von Dienstag zu Freitag zu Dienstag ? denn nur an diesen Tagen tritt die Außenwelt in Gestalt einer Neunjährigen (fast ohne Text sehr ausdrucksvoll: Sophie Charlotte Carius) in sein Zimmer, die ihm frische Milch bringt. In der Uraufführung von "Einfach kompliziert" 1986 am Berliner Schillertheater spielte Bernhard Minetti die Rolle des Alten. Die Aufgabe eines Bernhard-Schauspielers, sagte Minetti einmal, sei es, dessen Personen "bis ins Detail in ihrer Menschlichkeit zu folgen" . Heinz Meier, der den alternden Schauspieler in der Wallgraben-Produktion verkörpert, tut genau dies. Der Bernhard-Kenner ist dabei so authentisch und in Mimik und Gestik so fein differenziert, dass es als Zuschauer schwer fällt, sich auf der Holzbank zu entspannen: Man könnte ja eine der kleinen und doch so präzise eingesetzten Handbewegungen verpassen, ein verschmitztes Lächeln, ein grimmiges Stirnrunzeln, ein kauziges Augenzusammenkneifen. Und dazu diese Sprache, die oft keine vollständigen Sätze braucht, um Atemlosigkeit, Erregung, Wut, Enttäuschung und Verletzung auszudrücken, um Alltäglichkeiten, Scham, Witz, Lebensfreude und Komik auszubreiten. Heinz Meier, Mitbegründer des Wallgraben-Theaters und langjähriger Prinzipal, schlüpft nicht einfach in eine Rolle: Der 77-Jährige ist dieser Schauspieler; es ist sein Abend! Die behutsame Regie von Regine Effinger unterstützt ihn vorbehaltlos. Sie lässt ihm den Raum, den er braucht, um in Filzpantoffeln das Zimmer zu durchmessen, um sich an den Schreibtisch zu klemmen, umständlich die Brille aufzusetzen und auf ein Stück Papier die Worte "Mausgift kaufen" zu malen, um sich die Shakespeare-Krone aufzusetzen ? und mit ihr die königliche Würde eines Schauspielers in seiner Rolle. Als Heinz Meier zum Ende des Stücks laut nachdenkt, wie er vor wenigen Jahren noch am "Ball der Alten" im Haus teilgenommen hat und dort mit Kostproben seiner Schauspielkunst "begeisterte" , da verschwimmen die Grenzen zwischen Stück und Realität gänzlich. Als Meier sich zum fast frenetischen Schlussapplaus verbeugt, scheinen seine Augen feucht zu glänzen. Auch Regine Effinger ist bewegt. Alle sind es.


Kultur Joker vom 01.04.2007

Der Liebhaber von Harold Pinter

Rendezvous zu viert

Beziehungskunst: Anatol Preissler inszeniert "Der Liebhaber" im Wallgraben Theater Wenn eine gute Beziehung vor allem eine Frage der Frustrationstoleranz ist, dürfte Richard eine ausgezeichnete Ehe führen. Denn die Neutralität, mit der er sich nach dem Rendezvous seiner Frau Sarah erkundigt, verlangt einiges an Selbstverleugnung. Der Mann schaut aufs große Ganze, von Eifersucht auf Sarahs Liebhaber keine Spur. Beispiele für die Rolle des Hahnrei und des betrogenen Ehemanns finden sich in der Dramenliteratur zuhauf. Doch bei Harold Pinters "Der Liebhaber" irritiert etwas. Die Ruhe der betrügenden Gattin scheint derart ungetrübt und die des Gatten durch kein Zornesgewitter gestört. Was Menschen zusammenhält, lässt sich also getrost ein Rätsel nennen. Der Alltag von Sarah und Richard ist in Routine erstarrt. Während er sich auf seinen Bürojob vorbereitet, pflegt sie das Heim. Wenn sie wackelig den Stuhl besteigt, um den Staub auf den Fensterrahmen zu wischen, wenn sie mit dem Mob den Boden putzt, hört man aus dem Radio den alten Schlager "Das bisschen Haushalt". Ihre mit mehreren Stühlen nur spärlich möblierte Wohnung, von deren großem Fenster der Sonnenuntergang zu beobachten ist, erzählt keine Geschichte ihrer Liebe, ihres Zusammengehörigkeitsgefühls. Sitzen sie abends mit einem Drink zusammen, suchen die Eheleute Distanz zueinander. Es ist ein Stellungskrieg, der nur auf den ersten Blick wie ein ausgewogenes Verhältnis wirkt, den Anatol Preissler im Freiburger Wallgraben Theater inszeniert. Sichtlich genießt Sarah (Johanna Bronkalla) den großen Auftritt im weit ausgeschnittenen schwarzen Kleid und den roten Pumps. Wenn sie die Schuhe immer noch trägt, als ihr Mann zum Abendessen nach Hause zurückkehrt, glaubt man kaum an ein Versehen. Den Ehemann an ihr zweites Leben zu erinnern, macht ihr Spaß. Und doch ist es komplizierter, sind doch Liebhaber und Ehemann identisch. Nach einigen Jahren haben sich die beiden das Arrangement einfallen lassen, der mittlerweile zehn Jahre dauernden Ehe durch ein derartiges Rollenspiel, das mit der Gefahr nur kokettiert, erotische Spannung zu geben. Es muss ihre Idee gewesen sein, denn Richard (Hans Poeschl) leidet zunehmend darunter. Den eigenen Mann, mit ihm selbst zu betrügen, ist höhere Beziehungskunst, aber möglich und rührt an Fragen der Identität. Und hier wäre es wirklich spannend geworden, hätte Anatol Preissler die misogynen Untertöne des 1961 uraufgeführten Dramas und seine erotischen Spiele ein wenig entstaubt. So herrscht Psychologie vor. Die Zuschauer, die mehrheitlich auch mindestens seit zehn Jahren verheiratet sind, werden Zeuge, wie Richard Sarah vernichtet. Die Geliebte erst gegenüber der Ehefrau Hure nennt, dann ihr durch das Adjektiv "knochig" jeden Reiz abspricht. Sarah, Ehefrau und Geliebte, ist gekränkt, kann ihren Mann, der einmal als kreuzbraver Ehegatte sich um die Stockrosen kümmert, als Liebhaber jedoch mit ihr lasziv und herausfordernd Tango tanzt, nicht verstehen, ahnt jedoch, dass sie ihn verlieren wird.

Dies geschieht in diesem solide inszenierten Kammerspiel, jedoch anders als erwartet. (Annette Hoffmann)


Badische Zeitung vom 01.03.2007

Der Liebhaber von Harold Pinter

Anatol Preissler inszeniert am Freiburger Wallgraben-Theater Harold Pinters Einakter "Der Liebhaber"

Was nur soll der Milchmann? Der Milchmann ist, technisch gesprochen, das Scharnier, in dem Harold Pinters 1963 uraufgeführtes Stück "Der Liebhaber" hängt. Bis der Milchmann klingelt, scheint die Geschichte ihren realistischen Gang zu gehen: Ein Mann und seine Frau haben das cool-pragmatisch ausgewogene Agreement getroffen, dass die Frau regelmäßig zur Teestunde ihren Liebhaber empfängt, wenn der Mann in seinem Büro der Hochfinanz dient, wofür sich der Mann bei einer Hure schadlos hält. Wenn der Milchmann gegangen ist, ohne seine Sahne losgeworden zu sein, kommt Verwirrung auf: Ist der Liebhaber, der ihm auf dem Fuß folgt und den die Frau "Max" nennt, nicht ihr eigener Gatte in der Rolle des krawattenlosen, erotisch enthemmten Lovers? Wird hier der Ehebruch mittels spielerischer Persönlichkeitsspaltung an den gängigen Rollenmustern entlang nur simuliert? Aber was heißt bei Pinter ("Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich und was unwirklich ist" ) schon "nur" ?

Im Freiburger Wallgraben-Theater, das den Einakter 1967 mit Ellinor von Landesen und dem als Liebhaber, wie die Badische Zeitung damals meinte, nicht recht überzeugenden Heinz Meier als aktuellen Beitrag zum zeitgenössischen Theater auf die Bühne brachte, versucht sich der junge Regisseur Anatol Preissler nun noch einmal an dem seit 2005 mit dem Literaturnobelpreis für seinen Autor geadelten "Liebhaber" in Zeiten, da ein eheliches Arrangement dieser Art die Gemüter weit weniger erregen dürfte als vor 45 Jahren. "Dass ich auf Knien meinem Schöpfer danken kann, wie gut ich's hab, sagt mein Mann" , dudelt es ironisch aus dem Radio, während Johanna Bronkalla mit Schürze überm kleinen Schwarzen (das Modehaus Kaiser hat für die Kostümausstattung gesorgt) gut gelaunt rhythmisch den Wischmopp schwingt: alles easy im abgeschiedenen Vorstadthaus von Sarah und Richard, das in Preisslers Bühnenbild vor allem aus einem je nach Stimmungslage farbig leuchtenden Fenster mit Jalousie besteht - man darf hier vielleicht kurz an Alain Robbe-Grillets Roman aus derselben Zeit denken, der sich die französische Doppelbedeutung von Jalousie (auch: Eifersucht) zunutze macht.

Die selbstbewusste, vor Vitalität strotzende junge Frau, die mit dem bisschen Haushalt keineswegs ausgelastet ist und heutzutage zweifellos einen Job hätte, hat, man sieht es gleich, die Sache - sprich: ihren Mann und ihre Ehe - voll im Griff. Hans Poeschl, seit Juni 2006 im Wallgraben-Leitungsteam, macht dagegen allein schon aus Gründen des Altersunterschieds einen leicht zerknitterten Eindruck. Der Mann , so scheint's, will wie viele Männer im gesetzten Alter am liebsten seine Ruhe und wäre im Grunde froh, dass seine Frau anderweitig beschäftigt ist - wenn nicht er selbst es wäre, der außer dem erfolgreichen Banker auch noch den Mann für gewisse Stunden geben muss: mit Altrockerlederjacke, Cowboystiefeln, rüder Machozigarettenanmache und Tangoausfallschritt (Choreografie: Anita Speiser) im tiefpurpurnen Widerschein: rot wie die Liebe, wie der Tod. Hans Poeschl beherrscht dieses Switching ebenso souverän und mit spürbarer Lust an der Verwandlung wie seine Partnerin, die sich mit knallroten Highheels lasziv auf dem Lederfauteuil räkeln und Minuten später wieder ganz die kontrollierte Ehefrau sein kann.

Es ist ein ziemlich gefährliches Spiel, das diese beiden da spielen - und der Mann ist derjenige, der irgendwann ausbrechen möchte aus den selbst gesetzten Regeln, die Doppelrolle nicht mehr aushält, den Job des Liebhabers kündigt und zugleich den Körper seines Begehrens verbal zernichtet ("Bist du bloß Haut und Knochen" ). Das klingt bei Pinter und auch im Wallgraben zunächst nur böse komisch, weil es nicht stimmt - wie die Inszenierung sich bis zu diesem Moment überhaupt leichtfüßig auf die ironische Seite geschlagen hat. Von dort bis zum Mord ist es für Anatol Preissler gleichwohl nur ein Schritt: Der Mann bringt nicht nur symbolisch die Geliebte (in seiner Frau), sondern seine Frau realiter um: aus Überforderung, aus Ratlosigkeit, wer weiß.

Vier Stühle räumt Poeschl in Reih und Glied neben die Totgeschossene. Vier Stühle für ein gescheitertes Paar. Ein eindrucksvoll lakonisches Bild. Bei Pinter allerdings spielen sie weiter. Und man weiß nicht: Ist es die Hölle oder das Paradies? (Bettina Schulte)


SWR2 Journal vom 28.02.2007

Der Liebahber von Harold Pinter

Wann spielen wir Theater, wann sind wir wir - im "Liebhaber" zeigt Harold Pinter, wie schnell wir uns verheddern können und wie leichtsinniges Spiel plötzlich existentielle Fragen aufwirft. Harold Pinter, der vor zwei Jahren den Literaturnobelpreis für sein Lebenswerk erhielt und mit heftiger Polit-Kritik aufwartete, gehört zu den ganz großen Dramatikern. Seine Stücke zeigen pinteresk verpackt Dramen unserer Zeit auf. So auch "Der Liebhaber". Im Wallgrabentheater in Freiburg war gestern Premiere. Sandra Helmeke war dabei.

"War dein Liebhaber heute da?" "Mhm" "Hast du ihm die Stockrosen gezeigt?" "Hmm". Sarah und Richard unterhalten sich genauso bemüht-gelangweilt über ihre Affairen, wie über das Wetter. Kein Wunder: der Parkwächter in Lederjacke, der Sarah beim Spaziergang verführt " ist in Wirklichkeit der verkleidete Richard. Die billige Hure, mit der sich Richard vergnügt in Wirklichkeit Sarah. Am Anfang ihrer Ehe mag das Rollenspiel noch aufregend gewesen sein, nach 10 Jahren ist es nur noch fad. Anstatt sich das einzugestehen entwickelt Richard plötzlich Eifersucht auf sein Alter-Ego. Er will Sarah den Liebhaber verbieten - ein kurioses Machtspiel zwischen Begehren und Abstoßung beginnt. Und es bleibt offen, ob es sie vielleicht nicht doch gibt - den Liebhaber / die Liebhaberin. Anatol Preissler inszeniert den Einakter mit viel Musik: Die Tigerlillys mit "Live is a bitch" oder Rammstein mit "Eifersucht" bringen die Gefühle zum Ausdruck, die das Ehepaar unter der gelangweilten Fassade versteckt. Dabei hat Hans Poeschls Richard erkennbar mehr Mühe, die Haltung zu bewahren, als die kühle Sarah, gespielt von Johanna Bronkalla. Zum Schluss brechen Überdruss und Verletztheit aus ihm heraus. Ein bitteres Vergnügen, dabei zu zusehen. Zuzusehen, wie die beiden scheitern in ihrem Bemühen, bürgerliches Dasein und Triebwelt miteinander zu vereinbaren.


Badische Zeitung vom 16.12.2006

"Dinner für Spinner" von Francis Veber

Christine Brochant ist ganz und gar nicht erfreut. Ihr Mann Pierre, der sich als Verleger in den besseren Pariser Kreisen bewegt, will trotz eines schmerzhaften Hexenschusses zu dem allwöchentlichen Abendessen mit Freunden gehen. Nicht nur mit Freunden, wohlgemerkt: Beim "Dinner für Spinner" bringt jeder einen sorgfältig ausgewählten Gast mit ? einen Trottel, auf dessen Kosten man sich köstlich amüsiert. Dass der Arzt Pierre dann doch verbietet aus dem Haus zu gehen, bekommt Christine ebenso wenig mit wie das Auftauchen des ausgewählten Idioten des Abends, François Pignon. Denn sie beschließt, die Marotten ihres arroganten Ehemannes nicht mehr mitzumachen und verlässt ihn. So turbulent beginnt die Komödie "Dinner für Spinner" von Francis Veber, die Robert Klatt mit feinem Gespür für Personenregie für das Freiburger Wallgraben Theater inszeniert hat. Und ebenso bunt, schrill und witzig geht es nun fast zwei Stunden lang weiter. Pignon erweist sich als wahrhaft schlichtes Gemüt mit der Lizenz, jedes noch so fern am Horizont aufscheinende Fettnäpfchen zu betreten. Zunächst geht er Pierre nur mit seiner Penetranz auf den Geist: Pignon nämlich ist überzeugt, dass Pierre ihn wegen seines rasend interessanten Hobbys eingeladen hat: Er bastelt Modelle aus Zündhölzern und sieht nun dank seines neuen Freundes seine Miniaturwerke schon in einem Buch verewigt. Dann steigert sich Pignon in die Rolle des verständnisvollen Möchte-gern-Kumpels hinein, der Pierre in seiner desolaten Situation (krank und nun auch noch verlassen!) helfen will. Pierre ist tatsächlich beunruhigt, dass Christine ihn so schnöde verlassen hat. Er und wähnt sie nacheinander bei ihrem Ex-Geliebten (seinem einst besten Freund Just Leblanc, dem er Christine ausgespannt hat) und, nachdem dieser in Pierres Wohnung auftaucht, bei einem stadtbekannten Schürzenjäger. Das 1993 uraufgeführte Theaterstück von Veber ("Ein Käfig voller Narren", "Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh") ist eine klassische Verwechslungskomödie, in der die Komik nicht etwa aus Zoten oder billigen Witzen generiert wird, sondern aus den rasend schnell wechselnden Situationen und feinen Dialogen. Die einzelnen Bühnenfiguren stehen bei Veber für Typen, die exakt so handeln, wie der Zuschauer es von ihnen erwartet. Klatt, der selber Pierres Freund Leblanc verkörpert, hat eine Riege Schauspieler zur Verfügung, auf die er sich absolut verlassen kann: Hans Poeschl gibt den Pierre als nicht gerade unsympathischen aber neureich-arroganten Schnösel, der immer mehr zum wahren Trottel der Geschichte mutiert. Peter Haug-Lamersdorf schlüpft akkurat-authentisch in die Rolle des spröden Finanzbeamten, Regine Effinger springt routiniert von der liebesenttäuschten Ehefrau zur schrill-überdrehten Ex-Geliebten von Pierre. Für Begeisterung sorgte bei der Premiere vor allem Götz Koch als spießig-trotteliger Gutmensch Pignon. (Heidi Ossenberg)


Pressestimmen vom 31.07.2006

Ein Bericht für eine Akademie von Franz Kafka

"Danke für diesen tollen Abend" (Amèlie Niermeyer)

"Ostrowski macht diese fast tragische Figur nicht nur sicht- sondern auch fühlbar!" (Bietigheimer Zeitung)

"Beeindruckender Auftakt der Kooperation zwischen Lucas und Ostrowski" (Badische Zeitung)


Badische Zeitung vom 02.05.2006

Das Maß der Dinge von Neil LaBute

Dirk Schröter inszenierte am Freiburger Wallgraben-Theater Neil LaButes Stück um Liebe und Formbarkeit

Was liebst du an anderen? Meine Hoffnungen? , heißt es in Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft. Doch die von der energischen Kunststudentin Evelyn betriebene Wissenschaft in der Liebeskunst ist zugleich eine formende und zurichtende. Nicht genug, dass sie mit Hilfe einer Sprühdose die im Museum der kleinen Universitätsstadt gezeigte männlichen Statue um ein unverzichtbares Körperteil ergänzen will ? der schüchterne junge Aufseher Adam erweist sich sogleich als ein viel lustvolleres Objekt der Formung, weil er statt aus Gips oder Marmor eben aus Fleisch und Blut besteht.

Ihre schrittweise Verwandlung des linkischen, scheuen und obendrein kurzsichtigen Anglistik-Studenten in einen selbstbewussten und gut aussehenden jungen Mann voller Ausstrahlung und Kraft könnte als schöner Erfolg der Menschlichkeit gelten, wäre da nicht die Vorspiegelung der Liebe, wo berechnender Zweck und das notwendige Bestehen einer Präsentationsprüfung die eigentlichen Triebfedern sind . . .

Dirk Schröter, der scheidende Spielleiter und Dramaturg am Freiburger Wallgraben-Theater, führt in dem ?Schauspiel? des US-Amerikaners Neil LaBute mit leichter Hand die erotischen Verwirrungen und Verwechslungen zweier junger Paare zusammen. Auch wenn die Qualität der Dialoge leider immer wieder auf das Niveau billiger amerikanischer Vorabendserien absinkt (einige Streichungen hätten dem Werklein gut getan), bringt der stets spannende Pygmalion - Stoff und die große Bühnenpräsenz der Schauspieler ein zwischen Heiterkeit und Ernst hin und her pendelndes Geschehen zu Wege.

Heidi Klein als Evelyn verkörpert nicht ohne massive Wuchtigkeit den eisernen Willen zum Erfolg, wie er im American Dream einstmals allein den Männern vorbehalten war. Als Adam, seiner braunen Kordjacke entwachsen, gestylt, mit neuem Haarschnitt und Kontaktlinsen versehen, seine Degradierung vom Geliebten zum bloßen Objekt künstlerischer Dokumentation durchschaut, misslingt leider eine wirklich dramatische Konfrontation der beiden bei der ?Vernissage? . ?Irgendwer zahlt für deine zwei Minuten auf CNN? , heißt es lakonisch, und damit erscheint schlaglichtartig die ?Welt als Phantom und Matrize? (Günther Anders), der sich der Mensch ? weil er, so wie er ist, nicht bestehen kann ? als Kunstprodukt seiner selbst zu unterwerfen hat.

Ein ernstes Thema, zu ernst für den Boulevard vielleicht. Jenny und Phillip sind das befreundete ?Gegenpaar? , sind zwischen Vorstadttraum vom Eheleben und Cocktailparty-Kultur eher angepasst (Susanne Winkler und Patrick Schmick) und vom Lebensgrübel nicht angekränkelt. Sie mischen Evelyn und Adams Geschichte mit Hilfe schlichterer Verlockungen kräftig auf.

Eine muntere, frische Inszenierung, besonders für junge Menschen, lebendig und unterhaltsam, die jede Menge Stoff für Gespräche über Gestaltung und Sinn des Lebens zu zweit liefert. Gelungen sind auch das ebenso schlichte wie klare, mit farbigen Schattenrissen spielende Bühnenbild und die Kostüme (Susanne Mühlbauer). Ein weiterer guter Schritt zur Verjüngung des Wallgraben-Theaters und seines Publikums. (Peter Winterling)


Badische Zeitung vom 18.03.2006

Groß und klein von Botho Strauß

Odyssee durch die alte BRD

?Robert Klatt inszeniert am Wallgraben Theater Botho Strauß´ frühes Stück ?Groß und klein?

Wahnsinn? : Das sagt heute keiner mehr, um seine Verwunderung, sein Staunen, seine Begeisterung zum Ausdruck zu bringen. ?Wahnsinn? : So sprechen sie bei Botho Strauß Ende der 70er, als der Deutsche Herbst gerade vorbei war und die Bonner Republik insgesamt nicht im besten Zustand. Eine Komödie konnte das Stationendrama ?Groß und klein? um den einsamen Weg der Lotte-Kotte aus Remscheid-Ennep ins soziale Abseits nicht sein. Saarbrücken, Marokko, Essen, Hörnum auf Sylt und vielleicht auch noch Lüneburg. Kreuz und quer durch ein ungastliches, freudloses, kommunikationsgestörtes Land führt der damals 34-jährige Dramatiker einen verirrten Engel, der nicht aufhört, an das Gute in den Menschen zu glauben und ihnen seine ins Leere laufende Hilfsbereitschaft anzutragen. Man kann sich vorstellen, wie Peter Stein an der Berliner Schaubühne ?Groß und klein? zelebriert hat. Fünf Stunden dauerte die Uraufführung; die Fernseh-Verfilmung viereinhalb. Undenkbar heute.

Heute, 28 Jahre später, kann man auf Lotte-Kottes Odyssee durch die alte Bundesrepublik einen Blick zurückwerfen, der aus einem keineswegs nostalgischen Abstand das Lächerlich-Komische am (Sprach-) Gebaren jener seltsam aufgewühlten Zeit herauspräpariert. Robert Klatt (Regie und Bühne) hat sich am Freiburger Wallgraben Theater für eine konsequente Historisierung von ?Groß und klein? entschieden: Strauß´ Drama wird nicht als zeitloser Klassiker präsentiert, sondern in seiner Entstehungszeit verortet: Die Kostüme (Stefanie Kunert), das in den Farben Orange, Giftgrün und Lila schwelgende Dekor, die Musik: voll ? wie man heute sagt ? Retro. Wobei die technischen Möglichkeiten auf der Höhe unserer Zeit genutzt werden: Eine transparente Leinwand, auf die nicht nur die Titel der Szenen projiziert werden, sondern auf der auch einfallsreich mit einer Videoinstallation (Thomas Krohn) gearbeitet wird, ersetzt das Bühnenbild ? will sagen: erweitert den engen Raum der Kellerbühne ins Virtuelle. Das ist ziemlich genial und ein elegantes Spiel mit Grenzen, die nur durchlässig scheinen, wenn etwa Lotte, aufgeschickt mit falschen Wimpern, Goldtäschchen und Ohrgehänge, in Agadir zwei Männerstimmen hinterher lauscht, die man nicht hören kann: Dafür gibt die in ein mauretanisches Dekor getauchte ?Wand? den Blick auf die schemenhaften Figuren dahinter frei.

Auch Lottes Mann Paul (Götz Koch) bleibt auf diese Weise anwesend und abwesend zugleich: ein schönes Bild für dessen Unerreichbarkeit für Lotte, die ihm bis zum Ende (leider) nach- und anhängt, während er sich längst eine Geliebte zugelegt hat. Doch die Geschichte des Scheiterns einer Ehe schiebt sich nicht in den Vordergrund der Inszenierung. Das mag vor allem an Regine Effingers Lotte liegen. Eine Märtyrerin der Liebe ist sie mitnichten ? und auch kein Opfer der sozialen Kälte, die ihr auf der Durchreise nach Nirgendwo in den ?Zehn Zimmern? eines Hauses und anderswo entgegenschlüge. Diese Lotte gleitet im kurzen Lackmantel wie ein Fisch durch alle spießigen Dumpfheiten ihrer Umgebung hindurch. Ihr unbestechlich offener Blick entlarvt all jene, mit denen sie Kontakt aufzunehmen versucht. Das ist reine, ziemlich ätzende Komödie. Sie funktioniert deshalb so gut, weil Strauß sich als genau beobachtender und hinhörender Gesellschaftssatiriker empfiehlt. Das ausnahmslos famose Ensemble ? Sybille Denker, Gabriele Zink, Peter Haug-Lamersdorf, Hans Poeschl und Heinz Meier ? wirft sich mit Lust in die Floskeln, die Kalauer, die manchmal auch verstiegenen Sätze des glänzenden Stilisten hinein. Da gerät manches zur kabarettreifen Nummer ? der Gitarrenspieler mit Langhaarperücke und ?Bad Moon Rising? oder die Diashow von Vater und heilsarmeeverdächtiger Tochter. Die ansteigende Verzweiflung der Heldin freilich geht in dem virtuosen Herbeizitieren der 70er einigermaßen unter. Nach der Pause wird man fast überrumpelt vom pathetischen Ausbruch Regine Effingers in der Episode ?Falsch verbunden? , wo sich eine ? für Strauß auch späterhin typische ? Wendung und Überhöhung des Geschehens ins Religiöse anbahnt. So verlangt einem die fast dreistündige Inszenierung gegen Ende einen Ernst ab, auf den man nicht vorbereitet war. Egal: Was für ein Brocken wurde hier leichthin über die Schulter geworfen! Was für eine bravouröse Leistung! (Bettina Schulte, BZ)


Kultur Joker vom 18.03.2006

Groß und klein von Botho Strauß

Einzimmergesellschaft BRD

"In den 70er Jahren finde ich einer zurecht", klagt Lotte 1 ?Groß und klein". Aber was sagt Botho Strauß dann eigentlich erst zur Gegenwart? Seit einem viel kritisierten ?Anschwellenden Bocksgesang" hat man nicht mehr viel vom 944 geborenen Autor gehört, gespielt werden seine Stücke dennoch, sei es in Zürich oder und eben im Freiburger Wallraben Theater. ?Groß und .klein", 1978 uraufgeführt, ist eine Zeitreise in die 1970er Jahre, die in Robert Klatts Inszenierung mit viel Freude an, den Op-Art-Mustern und dem Design dieser Zeit ausgestattet wird. Überlebt hat sich das Stück trotz seines Alters nicht, der Rückzug, genauer der Hinlauswurf von Lotte aus allen menschlichen Beziehungen, bietet heute auch noch dramatischen Stoff.

Dabei beginnt alles vielversprechend in der Hitze Marokkos. Erlebnishungrig sitzt, Lotte (Regine Effinger) an der Bar und bläst Luft in ihren Cocktail. Draußen unterhalten sich zwei Männer. Während sie horcht, wartet sie insgeheim darauf, dass die beiden in der die Frau im Neckholderkleid mit den klimpernden Ohrringen auffällt, dass die Nacht nicht alleine an der Hotelbar im heißen Agadir endet. Denn sie ist willig, wie einer ihrer späteren Liebhaber sagen wird, alles richtig zu machen, unabkömmlich und ihren Freunden eine Freude zu werden. Doch nichts geschieht. Ernüchtert reißt sich die nicht mehr ganz junge, aber auch längst nicht alte Frau die falschen Wimpern und den Schmuck herunter.

Eine tragende Rolle in Robert Klatts Inszenierung spielt die Projektionswand, hinter der die beiden sehnsuchtvoll belauschten Männer zu sehen sind und auf die ein arabisches Muster projiziert wird. Autor Botho Strauß, so lässt sich im Programmheft nachlesen, hätte das wohl als ?technische Überfremdung" abgetan und irrt hier. Gelingt so doch ein schneller Wechsel, immer wieder verwirrende Irritationen zwischen Innen und Außen und nicht zuletzt sind auf ihr die jeweiligen Szenentitel und Figuren zu lesen, was Strauß' Experimentaufbau einer zunehmenden Vereinsamung Rechnung trägt (Licht: Ralf Hämmerle, Jann Warzecha; Videoinstallation: Thomas Krohn).

Trotz Lottes Niedergang von der neugierigen, erotischen Frau zur blassen, bekehrten ?Gerechten" ist ?Groß und klein" über lange Strecken sehr komisch. Und dies ohne den von Strauß häufig angeschlagenen hohen ton lächerlich zu machen. Denn Regine Effinger lässt sehr Distanz, manchmal auch Selbstironie zu bei ihrer Lotte. Etwa, wenn sie den Hippie mit der Gitarre (Hans Poeschl) vorauseilend mit einem ?klar Du, klar" kopiert, als dieser ihr die Gepflogenheiten in Inges Mietshaus erklärt, gegen die sie natürlich alle verstößt. Erstes Gebot: eine Gemeinschaft zwischen den Bewohnern der Einzimmer-Appartements soll erst gar nicht aufkommen.

Überhaupt ist das Ensemble gut aufgelegt und sehr wandlungsfreudig, Heinz Meier und Sybille Denker glänzen in der verstiegen, religiösen Kumpanei von Vater und Tochter, Gabriele Zink gibt den Türken dazu, der schon mal für eine absurde Diashow in die Rolle von Christus schlüpft. Und Peter Haug-Lamersdorf liefert mit seinem widerlichen Paul, Lottes Ehemann, den Grund für ihre Selbstverneinung. Die alte BRD wird hier als Einzimmergesellschaft vorgeführt, in der keiner für den anderen sorgt. Das ist keine angenehme Bestandsaufnahme, die uns da aus den 70er Jahren anweht und die Zeiten sind nicht besser geworden, ?Groß und klein" ist durchweg überzeugend gespielt und unbedingt sehenswert. (Annette Hofmann)


Badische Zeitung vom 04.03.2006

Edith Piaf von Carmen Dorothe Moll

"So hat man sie im Ohr"

Edith Piaf alias Carmen Moll im Wallgraben-Theater Freiburg

Sie sind sich nicht ähnlich. Jedenfalls nicht so richtig. Oder, um es deutlicher zu sagen. Carmen-Dorothé Moll ist hübscher. Hübscher als der ?Spatz von Paris? , als dessen ? vokales ? Spiegelbild sie durch die Lande zieht. Doch wenn man die Augen schließt, könnte man es für möglich halten: Die Piaf ist wieder da. Die Stimme, dieser Charme, diese Art des Vortrags, bis hin zum kleinen ?Schnackler? , der hinten in der Kehle sitzt und meist nach zu heftigem Tremolieren auftritt: So, ja so hat man sie im Ohr.

Das Lied sei ein ?Gemälde des Lebens in wenigen Minuten? soll Edith Piaf gesagt haben. Carmen-Dorothé Moll zeichnet in ihrem Piaf-Programm, mit dem sie zur Zeit im Freiburger Wallgraben-Theater gastiert, ein Gemälde des Lebens von Frankreichs legendärer Diseuse in anderthalb Stunden. Von den Anfängen in Pigalle über den frühen Ruhm, die zahlreichen privaten Turbulenzen, den Krieg, den Aufenthalt in den USA, den Verlust des Geliebten, den Drogenkonsum und den verzweifelten (Über-)Lebenskampf mit ihrem einzigen Verbündeten: dem Chanson. Die Auswahl der Lieder ist klug und richtig, weil sie Entwicklungen hörbar macht ? vom Chanson als Momentaufnahme bis zur Ballade des Lebens. Jörg Nadeschdin fungiert dabei als schillernder Conférencier, Annika Hörster zeigt am Klavier mit federndem Anschlag, wie viel Kunst und Virtuosität im kleinsten Chanson stecken kann. C´ était l´ histoire de la Piaf? Jedenfalls war es eine Annäherung an sie ? und ein Abend, an dem es nichts zu bereuen gilt. (Alexander Dick, BZ)


Badische Zeitung vom 01.03.2006

Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt - frisch, frech, frivol von Trio Retro

Heitere Erinnerung

"Theater, Theater? : Noch ist der Vorhang zu, da klingt es schon dahinter hervor, leise wie eine heitere Erinnerung. Vorhang auf: Eine Kabarettbühne, Klavier, Spanische Wand und ein Cafétisch mit Sektkübel. Und in der Mitte singt Ursula Keller Ralph Siegels Lied von Freud und Leid der Bühne, begleitet von Gottfried Beck und Werner Erhart. Das ?Trio Retro? hat zu seinem Programm ?Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt ? frisch, frech, frivol? ins Wallgrabentheater geladen, und der Titel sagt alles: lebenslustige Lieder aus der Zeit zwischen 1905 (Lehárs ?Lustige Witwe? ) und 1980 (?Theater? ). Gottfried Beck, der ältere Herr am Klavier, wirkt auch am Ende des Abends noch, als könnte er stundenlang weitermachen. Wie andere Leute ein Liedchen vor sich hinsummen, so spielt er vergnügt einen Schlager nach dem anderen und gibt Ursula Keller auch mal ein Stichwort.

Sie, die Gastgeberin im feuerroten Fransenkleid, singt und erzählt von den lebenslustigen 20er-Jahren, als wäre sie dabei gewesen. Und Werner Erhart gibt sich am Bass und in den Nonsense-Dialogen mit Beck recht bärbeißig. Wenn er dann aber, den Schlapphut schräg auf der Künstlermähne, ?Wenn ich einmal reich wär? ? singt oder sich in ?Josef, ach Josef? der Avancen Frau Potifars erwehrt, wird der Franke zum Charmeur.

Und egal, ob Ursula Keller Frau Potifar oder die aufgeregte ?Kleptomanin? (in Friedrich Hollaenders Schlager) spielt, ob sie mit Richard Fall fragt ?Wo sind deine Haare, August?? oder mit Peter Kreuder rät ?Man muss die Männer schlecht behandeln? : Immer umgarnt sie das Publikum mit ihrem Lächeln und ihrer weichen Stimme. Hollaenders ?Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre? gibt sie eine so kecke Note, dass man das Säuseln der Diseusen gern vergisst.

Das ?Trio Retro? liebt seine Musik, und dafür liebt das Publikum das ?Trio Retro? . Operettenabende, Gesangsstars, alte Filme, Revuen: Erinnerungen machen bei dieser Musik die Hälfte des Reizes aus. Da braucht Beck die Zugabe nur mit dem Namen Paul Burkhard anzukündigen, schon seufzt es ihm aus der ersten Reihe entgegen: ??Oh mein Papa? !? Und die andere Hälfte? Ein Blick aufs ?Trio Retro? , und man weiß es. Es ist der Charme. (Friedrich Sprondel, BZ)


Kultur Joker vom 05.01.2006

Freunde zum Essen von Donald Margulies

Leben zwischen den Gängen
Das Wallgraben Theater lädt ?Freunde zum Essen" von Donald Margulies

Freunde wie Karen und Gabe [den einen nicht einfach nur im Essen ein. Kaum hat der Gast die bereit gelegten Ringelsocken übergestreift, darf er ihr gelungenes Leben abnicken: die Kinder, die Wohnung, den Urlaub und natürlich das Essen. Gut, wenn da Freunde den Lebensentwurf teilen und schon viel Zeit in den Ferien miteinander verbracht haben. Doch was, wenn die eigene Ehe gerade vor dem Aus steht? Beth jedenfalls bricht heulend über der Limone-Mandorla-Polenta (mit Milch statt mit Wasser!) zusammen. Man kann es ihr nicht verdenken.

Donald Margulies' Komödie ?Freunde zum Essen", die der­zeit am Freiburger Wallgraben Theater in einer Inszenierung von Anatol Preissler zu sehen ist, nimmt das Älterwerden leicht. Zwei Paare kreuzen sich, sind ein Stück Lebensweg gemeinsam gegangen. Man wollte gemeinsam alt werden, die Kinder aufwachsen sehen, die Enkel verwöhnen. Und nun das. Nun scheren Beth und Tom einfach aus, er hat eine Stewardess, die in Wahrheit in einem Reisebüro arbeitet, sie den seit langem besten Sex mit ihrem Noch-Mann, der bald die Scheidung einreichen wird. Das kann auch Freunde außer Fas­sung bringen, schließlich könn­te dies einem selbst passieren. Doch diese Ahnung hält man sich am sichersten mit einer möglichst perfekten Oberfläche fern. Auf der Bühne ist das komisch, weil es so mensch­lich ist und der Zuschauer die Blicke und Mechanismen so gut von sich selbst kennt. Da möchte Karen (Regine Effinger) ihren Mann kein Stück am Urlaubsmythos des ?sagenhaft frugalen" Essens einer italienischen Köchin miterzählen lassen, unterbricht ihn, wo sie kann, wenn es jedoch gilt der engsten Freundin in der Le­benskrise zuzuhören, würde sie sich gerne seine Einwürfe gefallen lassen. Doch Gabe (Hans Poeschl) schweigt beharrlich, natürlich, was sonst?

Autor Donald Margulies hat die Paarstruktur auch auf das Stück übertragen. Die Szenen korrespondieren miteinander und Anatol Preissler hat dafür ein Bühnenbild entworfen, das sich von der weiß gestrichenen Wohnküche schnell in eine Bar umwandeln lässt. Denn mal treffen sich die beiden Frauen, dann die beiden Männer, eine andere Szene führt zu dem Zeitpunkt zurück, als alles anfing. Damals auf dem Weingut, als Karen auf dem Heuballen sitzend die Paprika schnitt und Beth und Tom zu dem frisch gewordenen Paar wurden, zu dem sie ausersehen waren. Beth (Beate Maria Schwarzbauer) wirkte damals schon ein bisschen überdrehter, eine Künstlerin eben, wenn sie von dem tollen Licht am Meer schwärmt, wippen der Rocksaum ihres Sommerkleides und das Tuch im Haar fröhlich vor sich hin. Tom (Mark Kuhn) hingegen war schon immer ein so oberflächiger wie charman­ter Sonnyboy.

Das Scheitern ihrer Ehe führt Karen und Gabe vor, wie weit sie sich selbst von dem einst unbeschwerten Paar fortbewegt haben, das sie einmal waren. Wenn Gabes dunkler Blick bei Marks Erzählungen über sein neues Leben ahnen lässt, dass es mit seinem und Karens Liebesleben eher ruhig bestellt ist, hat das seine sehr komischen Seiten. Was jedoch mit einem gewissen Tempo serviert werden müsste, zieht Regisseur Preissler wie ein gutes Essen in die Länge. Nicht nur in der Küche ist vieles eine Sache des richtigen Timings.

Annette Hofmann


Badische Zeitung vom 26.11.2005

Der König von Jörg Nadeschdin

"Die Langeweile vertrieben"
?Der König? im Freiburger Wallgraben Theater ? von und mit Jörg Nadeschdin

?Kaiser? Franz feiert seinen 60. Geburtstag, der King of Pop seinen Freispruch vor Gericht und Jürgen Drews sich selbst als König von Mallorca. Wie deplaziert muss sich da ein echter Monarch im Purpurmantel, gesäumt von weißem Hermelin, mit goldenem Zepter und edelsteinbesetzter Krone auf einem überdimensionalen weißen Thron vorkommen, wenn ihm die selbst ernannten Könige der pluralistischen Spaßgesellschaft gnadenlos den Rang ablaufen. Er ist einsam ? verdammt einsam.

Und er beginnt zu erzählen. 100 Minuten dauert seine Audienz: Ein einziger tragikomischer Monolog, den Jörg Nadeschdin als ?Der König? ? das ist zugleich der Titel des Stücks ? sich selbst auf den Leib schrieb. Es ist das erste größere Bühnenstück des Ensemblemitglieds am Freiburger Wallgraben Theater, das jetzt dort zur Uraufführung kam. Die reduzierte Form des Monologs, den die schnörkellose Inszenierung von Christian Bronder unterstreicht, ist Herausforderung und Gewinn zugleich.

Nadeschdins König ist menschlich und damit vielschichtig. Erst herrschaftlich aufbrausend, dann im Rückzug ins Private. Dem Wahnsinn scheint er anheim zu fallen, wenn er wider bürgerliche Ersatzkönige wettert und gegen die Presse, die ihn mit jenen unter eine Schmuddelkrone stecken will. Dann wieder überspielt er pointenreich seine Langeweile. Alles was er tut, richtet sich nach dem Hofprotokoll, dem Diktat eines sadistischen Zeremonienmeisters, den der König am liebsten umbrächte wie Nero die Christen ? obwohl er sich von derlei despotischen Vorfahren distanziert. Ja, was das Harfenspiel, den Tanz und seine Dichtkunst angehe, so sei er sowieso Nero um Längen voraus. Und weil ihm so langweilig ist, gibt er dem zuschauenden Volk einige Kostproben seiner Kunst. Und seine Untertanen goutieren die Intermezzi mit Szenenapplaus.

Ausgelassen ist der König hingegen nie, besonders nicht, wenn ihm der Zeremonienmeister den Besuch der königlichen Gruft androht. Er ahnt eine Verschwörung. Am Hof hat er ohnehin nur einen Freund, den Lieblingsdiener Franz. Der versteht ihn, brachte ihm einstmals, als der Zeremonienmeister krank war, des Königs neue Kleider: Baseballcap und Jeans.

Kein Interesse mehr
an Mätressen
So mischte er sich unters Volk um volksnah mit Pommes, Mayo und Bratwurst ?mal so richtig rumzusauen?. Und dann ? die königsblauen Augen beginnen mitten in der Rede zu blitzen ? traf er sie: Gwendolyn, seine bürgerliche Geliebte. ?Liebe auf den ersten Blick. Es gibt sie tatsächlich.? Und der König verfällt dem Liebeswahn: Kein Interesse mehr an Mätressen, Schluss mit Schnallenschuhen, Pumphosen und Kronjuwelen, es lebe das bürgerliche Leben, die Audienz ist beendet und der König verlässt, von Beifall begleitet, den Theaterkeller als Hausmeister Thorsten König durch die Hintertür. Lieber Hoffegen statt Hofprotokoll.

Nadeschdin gelang es die Langeweile des Monarchen in lustvolle Kurzweil fürs Publikum zu wandeln. Es amüsierte sich königlich. (Sören Schmeling)


Badische Zeitung vom 05.11.2005

Kleine Eheverbrechen von Eric-Emmanuel Schmitt

Ist Liebe möglich?

Es ist ein altes Motiv, das schon viele Schriftsteller entzündet hat: ein Mann verliert sein Gedächtnis und kann sich von nun an neu erfinden, ein ?erwachsenes Neugeborenes? sein. Wer wünschte das nicht: einen Nullpunkt, von dem man sein festgefahrenes Leben verlässt und alles noch einmal neu entscheidet. Bei Gilles und Lisa in ?Kleine Eheverbrechen? ist es jedoch zunächst die Frau, die nach dem ?Unfall? ihren Mann neu ?recycelt?: in einen, den sie sich schon immer gewünscht hat. Einen treuen, Tee trinkenden Traummann, der Boutiquen liebt und ein wenig eifersüchtig zu Hause wartet. Doch natürlich ist alles ganz anders. Der sensible Erfolgsautor Eric-Emmanuel Schmitt hat mit seinem 2003 in Paris uraufgeführten Kammerspiel brillant und berührend die Probleme langjähriger Partnerschaften erfasst: wie sehr mit der Gewöhnung die Lust auf den anderen verschwindet, wie sehr man ihn zu kennen glaubt, sich träge in Vertrautheit einrichtet, aber genau dort das Liebesende lauert. Und dass man sich in vielem einen anderen gewünscht hätte und sich die Spannung der Fremdheit zurückwünscht, die zugleich unmäßig erschreckt.

Neue Funken der Erotik ? aber auch ganz neue Abgründe

Nach der Amnesie von Gilles schlägt zwar die Erotik neue Funken ? aber ganz neue Abgründe tun sich auf. Ein perfekt geeignetes Stück für das bewährte Schauspielertheater im Wallgraben, bei dem Regine Effinger und Sebastian Hufschmidts Schlagabtausch sprüht vor Glanz und Witz, als wäre er für sie geschrieben. Nichts ist, wie es scheint, alle paar Sätze ändert sich die Ausgangslage, suggestiv und rasant laufen in 80 Minuten mehrere Rollenwechsel ab, umkreist und belauert sich das Paar. Leidet Gilles wirklich unter Gedächtnisverlust? Wer ist stärker, wer lügt, wer liebt wen mehr, und wer wollte wen eigentlich umbringen? Wie in einem Krimi erforscht der Zuschauer die Gemengelage der beiden Großstädter in gut geschnittenen Edelanzügen, in der Wohnung mit den japanischen Wänden und pittoresk-unheimlichen Schatten an der Wand (Bühne und Regie: Robert Klatt). Hinter der ordentlichen Mittelstandsehe lauert es dunkel, hinter dem leichtzüngigen Feuerwerk ergeben sich schwerwiegende Fragen. Ist Liebe möglich? Oder erstickt sie in Dumpfheit, wenn man sie nicht durch Lüge, Eifersucht und Manipulation in zweifelhafter Lebendigkeit hält?

Können Mann und Frau je ebenbürtig sein, soll man sich je ganz auf einen anderen einlassen ? oder verwandelt echte Liebe in ein unkontrollierbares, bedürftiges Monster? Ist für die Liebe Verlust von Erinnerung oder radikale Ehrlichkeit besser, ist sie überhaupt neu zu (er)finden? Gilles vermeintlicher Gedächtnisverlust wird zum Vorwand, die Paarbeziehung neu zu definieren ? und deckt dabei ihre tödlichen Gewohnheiten auf. Sebastian Hufschmidt gibt einen intellektuellen Lebemann, souverän und sexy; dass er nicht treu war, weiß man, bevor er es indirekt zugibt. Regine Effinger ist nervös und scharfsichtig, mit Hang zu Hysterie und (Alkohol-) Exzess ? dass sie nicht so stark ist, wie sie tut, ist in ihrer Spielweise wunderbar angelegt. Es ist ein äußerst kurzweiliger und doch schwergewichtiger Abend, in dem Schauspielkunst, boulevardhafte Leichtigkeit und Tiefgang zu einer selten gelungenen Einheit finden. (Dorothea Marcus, BZ)

Mit Büchern die Welt verändern
Eric-Emmanuel Schmitt (2): Ein Besuch in Freiburg

Es war ein Zufall, aber dafür umso schöner: Einen Tag, bevor im Wallgraben- Theater Eric-Emmanuel Schmitts Stück ?Kleine Eheverbrechen? aufgeführt wurde, kam der Bestsellerautor zur Lesung seines neuesten Buchs ?Das Evangelium nach Pilatus? nach Freiburg ? und eilte sogleich in das kleine Kellertheater, um die elegant französisch sprechende Regine Effinger zu begrüßen. Denn Schmitt, der zu den 15 meistverkauften Autoren der Welt gehört, hatte seine Liebe zum Theater lange, bevor er seine berühmten Romane schrieb. ?Früher habe ich gedacht, dass es mehr Spaß macht, Theaterstücke zu schreiben?, erzählt der sanfte 45-Jährige mit weißem Haarkranz, der stets einen schwarzen Anzug trägt und sinnlich und lebenslustig aussieht, ?es sind Krisen, die auf der Stelle zu einer Lösung kommen ? die Romane entwickeln sich dagegen über lange Zeit.? Er lässt sich durchs Haus führen, begutachtet fachmännisch das Bühnenbild und setzt sich ? ein wenig Eitelkeit muss sein ? in derselben Pose vor den Theatereingang, in der einst Ionesco dort fotografiert wurde.

Schmitt gilt seit ?Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran? als ein Vermittler zwischen den Religionen. Die Geschichte, wie ein arabischer Krämer einem jüdischen Jungen den Islam nahe bringt, rührte weltweit zu Tränen und wurde mit Omar Sharif verfilmt. Mittlerweile wird es sogar in Tel Aviv im Theater gezeigt, abwechselnd auf Arabisch und Hebräisch: eine aktive Friedensbotschaft. ?Ich gehöre zu den Verrückten, die glauben, dass Bücher die Welt verändern?, sagt er und lächelt unnachahmlich selbst- versunken, ?eigentlich nützen sie nichts, aber man kann sie benutzen?. Sich selbst würde Schmitt nicht ?religiös? nennen, sondern vielmehr ?gläubig?. Ein Mystiker, der sich bisher keiner Kirche angeschlossen hat ? aber gerne von Protestanten und Katholiken gebucht wird. ?Für Katholiken ist es skandalöser, mich einzusetzen, aber es gelingt ihnen trotzdem besser?, lacht er.

Harte Kost für die katholische Kirche, wenn Schmitt im ?Evangelium nach Pilatus? die Jungfräulichkeit von Maria bezweifelt und den Verräter Judas rehabilitiert. Es ist Schmitts brisantestes Buch. Wie ein Altar besteht es aus drei Teilen: Im ersten erzählt ?Joshua? aus Nazareth von seinem Leben ? von Jesus in der Ich-Form zu schreiben, hat sich noch kaum ein Schriftsteller getraut. Im zweiten erzählt Pilatus von der Verurteilung Jesu ? und im dritten passiert etwas ganz Unerhörtes. Denn Schmitt wurde kurz vor seiner Vollendung der Computer gestohlen, mitsamt Sicherungsdisketten. ?Ein Geschenk?, sagt er heute, denn er schrieb das Buch in einem Rutsch noch einmal. ?Seitdem schreibe ich immer so schnell?, sagt er, ?der Unglücksfall hat mir den Sinn für Dringlichkeit gegeben?. Im dritten Teil ist nun das Schreibtagebuch Schmitts abgedruckt, seine philosophischen Gedanken und Zweifel. Man erhält einen inspirierenden und intimen Eindruck in seinen Schaffensprozess. (Dorothea Marcus, BZ)


Badische Zeitung vom 01.08.2005

die Wirtin von Peter Turrini

Wer braucht schon Männer. Sie sind ja nicht die Allerhellsten, haltlos ihren Trieben nach Frauen, Alkohol und Geld (Reihenfolge beliebig) unterworfen und dabei doch eindimensional pragmatisch. Also führt die schöne Mirandolina lieber selbst ihr Gasthaus im von Laken verhängten Freiburger Rathaushof, verkörpert von einer langbezopften, grazilen und resolut emanzipierten Regine Effinger. Das Adelspack hat sich bei ihr eingenistet wie im Wellness-Park: Marchese Albafiorita (ein wunderbar verhärmter und stolpernder Peter Haug-Lamersdorf) und Graf Forlinpopoli (dickbäuchig und kraftstrotzend, mit glitzernden Brillanten am Finger und Schönheitsfleck im Gesicht) sind zwei männliche Prachtexemplare, die heftig um die Gunst der schönen Wirtin buhlen, aber keine Zechine mehr für sie übrig haben. Selbstverliebte Aufschneider, die es aber in langem Kampf kaum schaffen, ihre Liegestühle aufzubauen. Nur Cavaliere Rippafratta (Hans Poeschl) bringt Eleganz in den Rathaushof, zeichnet sich aber durch rechtschaffenen Frauenhass aus. Doch die patente Mirandolina muss sich nur ein wenig ihre Beine reiben und gutes Essen kochen, da hat sie auch mit seinem Herz leichtes Spiel.

Der österreichische Gegenwartsautor Peter Turrini hat Carlo Goldonis Commedia dell?Arte - Komödie ?Mirandolina? deftig adaptiert: da werden verbal Eier rasiert und kräftig Körperteile befummelt ? und stets ironisch thematisiert, dass es sich hier nur um ein großes Theater im Theater handelt. Großes Theater?

Niemand verheimlicht, dass Turrinis Stück eine echte Schmierenkomödie ist, nach deren Fertigstellung er sogar in eine Schaffenskrise geriet ? aber genau das macht es wunderbar: Regisseur Robert Klatt hat das lustig-leichte Stückchen lustvoll auf die Spitze getrieben. Es ist eine Freude, den beiden ?Schauspielerinnen? Dejanira und Ortensia bei der Verwandlung in Pseudo-Gräfinnen zuzusehen: Gabriele Zink entfaltet ihre komödiantisch-proletarischen Talente als schwarze, geldgierige Suffragette, Sybille Denker als augenrollendes, pseudonaives leichtes Mädchen. Eifrig stecken sie Äpfel ins Dekolleté, zücken Zahnbürsten oder setzen sich bei Zuschauern auf den Schoß. Es ist urkomisch, wie das Ensemble des Wallgrabentheaters in den sonst so ehrwürdigen Rathausgängen mit Playback italienische Schmachtgesänge schmettert, während die Discobeleuchtung zuckt und sie wie Grand-Guignol-Puppen auf- und abtauchen. Worum ging es nochmal? Ach ja, eigentlich ist es ja der pragmatische Kellner Fabrizio (nüchtern und gut: Heinz Drenker), der so gerne Gasthausbesitzer wäre, der hier die Fäden zieht: er stiftet die ?Schauspielerinnen? an, die adeligen Herren abzulenken, damit er selbst das Herz von Mirandolina erobern kann ? nachdem sein erster, zu sachorientierter Versuch schief ging. Denn ein wenig Romantik braucht man als Frau ja schon, und ohne Mann geht?s letztlich auch nicht. Und da ist der bodenständigen Mirandolina wichtiger, von ihresgleichen verstanden zu werden, als sich von degenerierten Grafen umschmeicheln zu lassen ? wahrscheinlich ist das die tiefste Weisheit, die man zum 30. Jubiläum der Rathaushofspiele mit nach Hause nehmen kann. Drei Mal stand in dieser Zeit ?Mirandolina? auf dem Spielplan, erstmals wird die modernisierte Version gegeben. Es ist umso lebensnaheres Volkstheater geworden. Man möchte ihm keine Regenunterbrechung mehr wünschen. Dorothea Marcus (Badische Zeitung)


Badische Zeitung vom 14.12.2004

Besuch bei Mr. Green von Jeff Baron

Tevje in New York - "Besuch bei Mr. Green": Ein Stück für Heinz Meier am Wallgraben-Theater Freiburg

Mr. Green und der Milchmann Tevje sind sich nie begegnet - und doch würden sie sich auf Anhieb verstehen. Vielleicht liegt' s an der Provenienz der beiden, der (tragisch untergegangenen) ostjüdischen Welt des "Schtetls". Jedenfalls hat der New Yorker Autor Jeff Baron mit seinem Bühnenstück von 1996 "Besuch bei Mr. Green" an die Geschichten des Scholem Alechem (den meisten bekannt durch das Musical "Fiddler On The Roof - Anatevka") vermutlich ganz bewusst angeknüpft. Für beide, Green und Tevje, gilt der Primat der Religion. Um derenthalben haben die beiden Traditionalisten (oder sollte man besser sagen: Sturköpfe?) sogar ihre Töchter verstoßen, weil sie sich mit einem Goi, einem Christen, eingelassen haben. Die Gesetze auf den Kopf stellen? Nein.

Heinz Meier wäre vermutlich auch ein guter Tevje. Aber er ist Mr. Green. Die Rolle des vereinsamten New Yorker Witwers, der plötzlich und unfreiwillig Gesellschaft von einem jungen Mann bekommt, wohlgemerkt nur weil dieser vom Richter dazu als "Sozialdienst" verdonnert worden ist, könnte für den Prinzipal des Wallgraben-Theaters geschrieben worden sein. "Ich komme her, um ihnen zu helfen", sagt Ross Gardiner, der sonst Erfolgsverwöhnte, der Green mit seinem Auto angefahren hat. Und dieser blafft zurück: "Wobei?" In Tevjes Weltbild nähme sich das freilich fatalistischer aus: "Was ist des Menschen Vorzug vor dem Vieh? Nichts." Doch "Besuch bei Mr. Green" ist kein europäisches Stück, in dem sich die beiden Charaktere systematisch zerstören. In gehobener amerikanischer Boulevard-Manier parlieren sie miteinander, entwickeln aus der anfänglichen Abneigung Sympathie und irgendwann sogar Verständnis. Etwas wenigstens. Die Dialoge sind pointiert, manchmal richtig witzig, und auch wenn die Dramaturgie des Zweipersonenstücks mit ein paar Unglaubwürdigkeiten (so dem allzu glatten Happy End) gespickt ist, möchte man gerne über diese hinwegzusehen. Wegen der emotionalen Nähe, die Robert Klatts Regie ebenso fokussiert wie Stefanie Kunerts Ausstattung. Und vor allem wegen der beiden Akteure, die diese so überzeugend ausstrahlen. Meier schlurft über die Bühne, grantelt, schimpft, um dann wieder ganz in der Illusion der Erinnerung zu versinken: Jetta, seine Frau, und er - "wir haben nie gestritten". Je tiefer die Seelenabgründe sich in ihm - Green-Meier - auftun, desto hinreißender wird sein Spiel. Das gilt auch für den Jungen: Jörg Nadeschdins Sonnyboy Ross gewinnt in dem Maße an Konturen, in dem er die Kratzer an seinem heilen Weltbild offeriert. Gardiner ist ein Gutmensch, möglicherweise allzu modellhaft. Aber so kurz vor Weihnachten dürfen die Botschaften im Theater auch einmal ganz eindeutig sein. Zumal wenn sie so berühren wie an diesem Abend. (Alexander Dick (BZ))


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