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Die Göttliche Komödie und Johann Sebastian Bach

von Tim Lucas

Und sie berühren sich (Badische Zeitung)

Dauer ca.

Die Göttliche Komödie und Johann Sebastian Bach

Die „Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri, die wohl bedeutendste Dichtung der italienischen Literatur und eines der größten Werke der Weltliteratur, schildert die (Lebens-)reise des Autors durch die drei Reiche der jenseitigen Welt. Sie führt durch die Hölle (Inferno) in die Strafbezirke derer, die für ihre Sünden zur ewigen Verdammnis verurteilt sind. Danach geht es durch das Fegefeuer (Purgatorio), vorgestellt als ein aus dem Ozean aufragender Berg, auf dem die Seelen derer, die für ihre Sünden noch Vergebung erlangen konnten durch sieben Bußbezirke zum irdischen Paradies, dem Garten Eden auf dem Gipfel des Berges, pilgern. Aus dem Irdischen steigt der Reisende schließlich auf in das himmlische Paradies (Paradiso) mit seinen neun Himmelssphären, über denen im Empyreum die Seelen der Geretteten im Angesicht Gottes die Freuden der ewigen Seligkeit genießen dürfen.

Durch Johann Sebastian Bachs Zyklus „Sonaten und Partiten für Violine solo“ (BWV 1001-1006), die einen wichtigen Teil im Geigenrepertoire einnehmen, wurden die Möglichkeiten der Violine als Soloinstrument erschlossen. Er beinhaltet sechs Werke, die – sehr ungewöhnlich für die Zeit ihres Entstehens – auf jede Begleitung durch ein Tasteninstrument verzichten. Auch die polyphone Schreibweise, die Mehrstimmigkeit auf einem einzigen Instrument erzeugt, ist außergewöhnlich. Das bekannte Werk gilt als Höhepunkt der Violinliteratur und Ausweis von Virtuosität.

Die musikalische Lesung „Die Göttliche Komödie und Johann Sebastian Bach“ vereint die beiden Werke, die in Auszügen vorgetragen werden. Der Literatur wird die Musik gegenüber gestellt, die Musik gewinnt durch die Wortgewalt Dantes an Bildhaftigkeit. Neue Zugänge werden so wechselseitig erschlossen und ergänzen sich in Inhalt und Form. Ildiko Moog-Ban, ehemals Konzertmeisterin des Philharmonischen Orchesters Freiburg und Professorin an der Musikhochschule Freiburg, spielt Violine. Es liest Tim Lucas.

Darsteller Ildiko Moog-Ban Tim Lucas 

Regie Tim Lucas

Online Kartenvorverkauf

Kritiken

Badische Zeitung vom 06.04.2010

Die Göttliche Komödie und Johann Sebastian Bach von Tim Lucas

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es gibt im Prinzip keine historischen Berührungspunkte zwischen Dante Alighieris "Göttlicher Komödie" und Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Solovioline. Außer man schafft sie. Hier die absolute Musik, changierend zwischen kühner, rhapsodischer Freiheit und tänzerischer Verspieltheit – dort die mindestens ebenso kühne, rund 400 Jahre ältere dichterische Faktur. Wo ist da das tertium comparationis – das Verbindung stiftende Element? Tim Lucas und Ildiko Moog-Ban geben die Antwort: in der Harmonie und Geschlossenheit der jeweiligen künstlerischen Anlage. Die beiden Genies Dante und Bach begegnen sich postum innerhalb eines schmalen Zeitfensters jenseits ihrer Zeitalter im ausverkauften Freiburger Wallgraben-Theater. Und sie berühren sich, bildlich gesprochen, wie Michelangelos Gottvater und Adam in der Sixtinischen Kapelle – nur einen Fingerzeig, aber in offenbar tiefstem ursächlichem Kontext. Diese Momentaufnahme ist auch Sinnbild für die musikalische Lesung. Man kann die Größe der Werke nur erahnen, denn sie begegnen einem – nur – in Auszügen. Dantes 15 000 Verse umfassendes Gedicht und Bachs sechs Solostücke: Würde ihre Vollständigkeit sie dem Zuhörer mehr habhaft machen? Wohl kaum. Hier geht es um eine ästhetische Annäherung, um assoziative Berührungspunkte, um Synästhesie. Wie klingt die literarische Vision des Jenseits auf der Geige, wie korrespondieren Dantes Hölle, Purgatorium und Paradies mit der in ihrem Absolutheitsanspruch unbefleckten Musiksprache eines Johann Sebastian Bach?

Ildiko Moog-Ban und Tim Lucas nehmen für sich die künstlerische Freiheit der freien Zuordnung, des Weglassens und Straffens in Anspruch. Die dreiteilige Struktur von "La Comedia" bleibt. Die Musik illustriert diese Jenseitswelten, oder sie antwortet darauf. Auf die Schrecknisse des Siebenten Rings des Fegefeuers zum Beispiel folgt die Sarabande aus der d-Moll-Partita Nr. 2: ein Stück tröstender Trauer, von Moog-Ban ganz schlicht, ganz kontemplativ vorgetragen, ausklingend mit dem Grundton auf der Leersaite. Die langjährige Konzertmeisterin des Philharmonischen Orchesters, die seit ihrer Pensionierung ihren Wirkungskreis in die Türkei verlegt hat, tritt nicht mit einer historisch informierten, authentischen Interpretation an, sondern setzt ihren persönlichen künstlerischen Ausdruck vor alle "Ismen". Der intime Rahmen macht die Anspannung spürbar. Produktive Anspannung, wie sie auch in Tim Lucas’ hochkonzentriertem, eine wohltuend konservative Sprachästhetik pflegendem Textvortrag zu vernehmen ist. Und in den sparsam dosierten melodramatischen Momenten, da Sprache und Musik eine Allianz eingehen, scheinen alle ganz eng und wie selbstverständlich verbunden: Dante, Bach, die Künstler – und das Publikum.(Alexander Dick, BZ)