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Geschichte des Wallgraben Theaters

Geschichte des Wallgraben Theaters

Das Kellertheater - ein Stück Freiburger Kultur

Das Wallgraben Theater ist eines der ältesten Privattheater Deutsch­lands, direkt in der Frei­burger Altstadt gelegen. Im Jahr 1953 wurde es in einem ehemaligen Wein- und Luftschutz­keller im Hinterhof der Wallstraße als kleines Kellertheater (Kleines Theater am Wallgraben) von einer Gruppe theaterbegeisterter Studenten gegründet.

20 Jahre später, 1973, erfolgte der Umzug in den Keller des Neuen Rathauses in der Rathausgasse, weiterhin unter der Leitung der Theatergründer Ingeborg Steiert († 1997) und Heinz Meier († 2013), der insbesondere durch seine enge Zusammenarbeit mit Vicco von Bülow alias Loriot bekannt wurde. 

Das Theater hat 96 Sitzplätze und war 1975 das erste Theater, welches Loriot-Sketche auf die Bühne brachte. 2003 übernahm Meiers Nichte Regine Effinger die Leitung des Theaters. Seit 2008 ist der Schauspieler Hans Poeschl Mitinhaber und leitet das Theater gemeinsam mit seiner Frau Regine Effinger.

Heute bewegt sich das Repertoire der Eigenproduktionen zwischen Klassikern, Unterhaltung und Moderne. Zahlreiche Gastspiele und Literaturlesungen runden das Programm ab. In den Sommermonaten veranstaltet das Wallgraben Theater Freilichtspiele im Rathausinnenhof.


DAS SOLL EIN THEATER SEIN?

DAS SOLL EIN THEATER SEIN?

„Zunächst geht man durch einen Gang, dann steigt man 28 Stufen hinunter und kommt in einen Raum - weißverputzt und mit abstrakten Gemälden geschmückt. Man ist im Keller, in einem ehemaligen Weinkeller. Etwas Bohème-Luft weht einem entgegen. Neben der Kasse liegen auf einem Tischchen Programme: 'Bitte bedienen Sie sich'. Man hat Vertrauen zum Publikum. Hinter dem Kassenraum ist der 'Theatersaal'..."

(Bad. Volkszeitung, 15.8.1955)

Ein Kellerraum mit acht Holzbänken

Ein Kellerraum mit acht Holzbänken, auf denen 68 schlanke Leute Platz hatten. Eine Bühne von 19,75 Quadratmetern, zwei Marmeladeeimer, die als Scheinwerfer dienen, und eine Heizung, von der es hieß: „Wenn nach Schließen des Vorhangs der Heizungsventilator nicht eingeschaltet wird, ist die Vorstellung zu Ende“. Ein wenig primitiv, meinen Sie? Sicher. Mancher Besucher stieg auch mehr gehemmt als freudig die winklige Kellertreppe hinunter, einige haben nach Inaugenscheinnahme des „Theaters“ diesem Ort schnell wieder den Rücken gekehrt.

'53

'53

Aber so hat es angefangen, im Juni 1953. Das heißt, zunächst war da das Gefühl der Unzufriedenheit. Wer an großen Bühnen die Stücke, die ihm wichtig scheinen, so aufführen kann, wie es ihm beliebt, denkt nicht daran, sich ins Souterrain zurückzuziehen. Die Voraussetzung für das Kellertheater ist das Gefühl, dass die vorhandenen Bühnen nicht allen ihren Aufgaben richtig nachkommen, dass da noch etwas zu tun bleibt.

...

Dazu wurde ein geeigneter Raum gesucht und - ein Keller gefunden, ein Vierteljahr im Dreck gewühlt, Mauern durchbrochen und Steine geschleppt und am 16. Juni 1953 fand die Eröffnungsvorstellung statt, mit Christopher Frys „Ein Schlaf Gefangener“.

Bittbrief

Der Umzug

Der Keller der Wallstraße 22 war zu feucht. Elektrische Geräte (Tonbandgeräte usw.) hielten höchstens zwei Jahre, Kostüme und Requisiten schimmelten und faulten. Zwei Klaviere brachen zusammen. Alle Anstrengungen, erträglichere Verhältnisse herbeizuführen, scheiterten. Wollte man das Theater erhalten, mußte man sich also nach anderen Räumlichkeiten umsehen, denn: ältere Zuschauer kamen nicht wieder, Schauspieler, die seit der Gründung dabei waren, bekamen rheumatische Anfälle, einem Schauspieler wurde von einem Arzt ein Aufenthalt im Theater von länger als zwei Stunden verboten ...

- Heinz Meier

Der Umzug

Abschied und Neubeginn

"Für Akten war der Keller zu Schade!" 
"Theater im Rathausverlies"

Rund sieben Meter unter der damaligen Eisenbahnstraße waren die Schauspieler aber nicht von allen guten Geistern verlassen, sie waren auch nicht von der städtischen Obrigkeit bei Wasser und Brot gefangengehalten, sondern sie machten - laut Schwarzwälder Bote vom 4.8.72 - "aus dem mittelalterlichen Gebäude einen neuen Musentempel". Vom Keller in den Keller, aber nicht an Abstieg wollte man denken, auch nicht ans Weitermachen wie bisher; ein Neuanfang sollte es sein, mit den bisherigen Erfahrungen eine Weiterentwicklung. Am 11. April '73 war es soweit.

Aber bis dahin mußte eine schwere Wegstrecke zurückgelegt werden - für den kurzen/langen Weg von der Wallstraße in die Rathausgasse (damals noch Eisenbahnstraße). Nach der Gründung des Theaters 1953 waren die ersten zehn Jahre eine Zeit des Aufschwungs, die Zeit theatralischer Entdeckungen, die Vorwegnahme einer Entwicklung, die am Staats-/Stadttheaterbetrieb erst viel später einsetzte. Ab 1964 aber wurde das Geschäft der kleinen Theater schwieriger, die Theaterlandschaft änderte sich, das Publikum änderte sich, die Schauspieler am "Kleinen Theater am Wallgraben" mußten ihre Positionen überdenken, den Spagat zwischen künstlerischer Ambition und wirtschaftlicher Situation erlernen - oder abstürzen.

In dieser Zeit wurde über eine neue Spielstätte nachgedacht, nachgeforscht; die alte war zu klein, zu feucht, zu unwirtschaftlich, aber: voller Atmosphäre. 
... der damalige Bürgermeister Dr. Graf und Prof. Humbert (damals Stadtbaudirektor und Chef des Planungsamtes) brachten das Rathaus in die Diskussion: der Ratsaal im Neuen Rathaus sollte erweitert und erneuert werden, da gäbe es doch die Möglichkeit im Keller ...

Und dann dauerte es, trotz Unterstützung durch Stadt und Land, noch weitere 18 Monate (in denen in der Wallstraße 22 weitergespielt wurde), bis es im neuen - jetzt Wallgraben Theater - hieß: Vorhang auf! Das war der 11. April 1973, und der Vorhang öffnete sich für Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige".