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Faust / Reloaded


Wallgraben Theater: Faust/ Reloaded. Mit Ives Pancera. Foto: Marvin Maurer

Badische Zeitung, 27.02.2012 von Heidi Ossenberg

Keine Rettung möglich

"Faust/Reloaded" am Freiburger Wallgraben-Theater . . .


Die Tür des Kühlschranks ist offen, überall liegen Kleidung, halbleere Pizzaschachteln, zerdrückte Getränkedosen. Bücherregale, Tisch oder Stühle, ein Lümmelsofa? Fehlanzeige. Im Zentrum der tiefschwarzen Kellerbühne des Freiburger Wallgraben-Theaters liegt eine unbezogene Matratze auf ein paar Bananenkisten (Bühne: Andreas von Studnitz/Katharina Rauenbusch). In unruhigem Schlaf wälzt sich ein junger Mann darauf herum, eingewickelt in eine Decke. Heinrich erwacht erst, als die Computertastatur laut scheppernd von seinem Körper auf den Boden fällt – aus dem flimmernden Bildschirm schreit ihm eine Stimme amerikanische Werbebotschaften entgegen.
Es dauert länger als eine Viertelstunde in Studnitz’ konzentriertem 60-Minuten-Stück "Faust/Reloaded", bis Darsteller Ives Pancera ein Wort sagt. Verwunderlich ist das nicht, mit wem sollte sein Heinrich auch sprechen? Zwischenmenschlicher Kontakt ist abgeschafft in seiner Welt, die nur ihn und seinen Computer kennt. Körperlose Stimmen gibt es – etwa eine weibliche, die "Heinrich, rette mich!" ruft und die dann auch sichtbar eine Verbindung schafft zwischen dem Bleistiftporträt einer schönen Frau an einer Zimmerwand und dem Computer, aus dem sie tönt: Grell rot-orange wird die Zeichnung angestrahlt, und gleichsam ohnmächtig dem Befehl von Stimme und Licht folgend zwängt sich Heinrich in einen Cyberanzug, verkabelt sich und nimmt endgültig Kontakt auf – zu diesem Frauenwesen, das seine Hilfe braucht in einer Welt, in der Mensch nur noch an der Maschine auflebt, die er bespielt ...

Es ist Studnitz’ eigene Stimme, die Pancera zum interaktiven philosophischen Liebesspiel frei nach Johann Wolfgang von Goethe aus dem Off auffordert: Personenregie der besonderen Art.
In Heinrichs Cyberwelt geht es um Bestrafung und Belohnung: Nur wenn der Jungspund korrekt des Dichterfürsten Verse wiedergibt, so darf er auf einen virtuellen Wortwechsel mit Gretchen hoffen. So ist es zu erklären, dass er mal unbetont, staccatohaft Sätze ausspuckt, Roboterähnliche Bewegungen vollführt. Dann wieder wird Panceras Stimme weich und lebendig, zuckend wälzt er sich auf seinem Bett. Level für Level arbeitet er sich durch den Klassiker – sein Gegenpart ist stets die Computerstimme des Verführers. Die feinen Nuancen beherrscht Pancera, hoch konzentriert und mit eindrucksvoller Bühnenpräsenz ist er bei der Sache. Auch das Zusammenspiel mit den Stimmen ist punktgenau einstudiert – man lässt sich gerne ein auf Goethes mächtige Sätze.
Nur: Studnitz’ Warnung vor Mephistopheles’ Cyberwelt bleibt gänzlich konstatierend. Die Rollen von Gut und Böse sind verteilt, Widerstand zwecklos. Heinrich und Gretchen haben auch hier keine Chance. Fehlen da nicht die Zwischentöne? Wieso Heinrich seine Seele an den Bildschirm verkaufte, ist (leider) gar nicht das Thema. "Ich glaub, ich lese jetzt den Faust nochmal", nimmt sich ein Zuschauer nach der Premiere vor. Reloaden ist nicht alles.–?Weitere Aufführungen: bis 18. März. Karten  07 61/4968888.

 

Kultur Joker März 2012

Take me to a better place

Das Wallgraben Theater zeigt Faust/Reloaded von Andreas von Studnitz nach der Vorlage von Johann Wolfgang von Goethe Der Faust 2012 ist der gleiche wie 1808: Heute wie damals ist er weltfremd, sozial isoliert, hungrig nach Erfahrung. Schlafend liegt er auf seinem Bett, die Tastatur seines Computers fest umklammert. Faust 2.0 ist ein Nerd: Seine Studen- tenbude ist lieblos eingerichtet und mit halbleeren Pizzakartons zugemüllt. Sein Kontakt zu Frauen beschränkt sich auf deren Rolle als Pornodarstel- lerinnen, nebenbei läuft ein Sexfilm. Doch selbst das laute Stöhnen kann Faust nicht recht aus seiner Lethargie reißen. Beherzt fasst er sich in den Schritt – und lässt es sogleich bleiben. Langeweile und Stupidität prägen seinen Alltag: „Und so ist mir das Dasein eine Last, der Tod erwünscht, das Leben mir verhasst.“ Sein Computer thront herr- schaftlich in der Mitte des Zimmers – er ist es, der Fausts Leben bestimmt. Deshalb verwundert kaum, dass daraus die Stimme Gretchens ertönt: „Rette mich!“ Hektisch kramt Faust eine längst vergessene DVD hervor und legt sie ein: „Come to the magnificant world of Faust/Reloaded.“ Das Computerspiel beginnt. Doch was für den lebenshungrigen Protagonisten auf den ersten Blick prächtig erscheint – er kann Gretchen treffen – entpuppt sich als die bekannte Katastrophe. Denn das Spiel ist eingefädelt durch Mephisto: „Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn.“ Noch bevor der Teufel Faust zu Liebesglück verhilft, besiegeln sie den diabolischen Pakt. Auch der Faust 2.0 scheitert an seiner Verantwortung. Er kann, man ahnt es, Gretchen nicht vor der Tragödie bewahren. Am Ende ist die Bühne in blutrotes Licht getaucht: Sie hat ihr neugeborenes Kind ertränkt. Der Autor und Regisseur Andreas von Studnitz reali- sierte ein subtiles Ein-Personen-Kammerstück. Der Originaltext ist stark auf eine Stunde Spielzeit gekürzt; die Handlung auf das Minimalste reduziert. Nur die Dialoge zwischen Faust und Mephisto sowie Gretchen bestimmen das Geschehen. Alles spielt sich in- nerhalb eines Computerspiels auf einem für das Publikum nicht sichtbaren Bildschirm ab. Umso mehr sticht die schauspielerische Leistung von Ives Pancera (Faust) hervor. Über so manch langatmige Szene trägt der Schweizer durch eine präzise Mimik hinweg und schafft damit, die Phantasie des Publikums anzuregen. Faust steht die emotionale Überwältigung wahrhaft ins Gesicht geschrieben, als er Gretchen zum ers- ten Mal sieht. Mit Faust/Reloaded ist eine moderne Adaption des Klassikers von Goethe gelungen – in Zeit- und sozialkritischem Ge- wand. Was vor gut 200 Jahren den Typus des Wissenschaftlers verkörperte, ist heute der Computerfreak, der die Welt da draußen gegen den virtuellen Kosmos ausgetauscht hat. In Goethes Faust steht der Mephisto für die Verführungen des Lebens; in Faust/Reloaded stellt er die Verlockung dar, die vom Computer und dem Internet ausgehen – 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Dabei will die virtuelle Welt das bieten, was in der Realität nicht möglich ist. Sie verspricht uns, besser zu sein, glanzvoller und interessanter. Am Ende ist sie dumpfer, abstrakter, in Watte gepackt. Die Hausproduktion des Wallgraben Theaters greift ein aktuelles Thema auf, wirkt in ihrer Botschaft aber zu dramatisch. Es mag Computermiss- brauch durch Einzelne geben, ein gesellschaftliches Problem liegt deshalb noch nicht vor. Es überwiegen die Vorteile der elektronischen Revolution – ein mündiger Gebrauch vorausgesetzt. Dass dieser erlernt sein will, ist unbestritten. Deshalb bietet das Wallgraben Theater zusätzlich ein kulturpädagogisches Projekt für Schulklassen an. Weitere Vorstellungen vom 28.2.-18.3., Wallgraben Theater Freiburg. Elisa Makowski

Frohes Fest

Badische Zeitung, 19. Dezember 2011

Polizisten im Fettnäpfchen

BOULEVARDKOMÖDIE I: Das Wallgraben-Ensemble spielt die britische Farce "Frohes Fest".

"Sollen wir es auf einen Zettel schreiben?" Der Vorschlag des Polizisten Gobble könnte unangemessener nicht sein. Mit "es" meint der unterbelichtete Uniformierte nämlich die Tatsache, dass die Tochter des betagten Ehepaares Garson und Balthasar Conner bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist – und zwar am Heiligen Abend! Gobble und sein Kollege Blunt sind ausersehen, die traurige Nachricht zu überbringen – doch angesichts des bevorstehenden Weihnachtsfestes, des schlechten Gesundheitszustands der Eltern und nicht zuletzt ihrer eigenen Unfähigkeit gerät diese Aufgabe für die Bobbys zu einem aberwitzigen Unterfangen.

Heidemarie Gohde (Regie und Bühne) hat die Farce "Frohes Fest" des schottischen Dramatikers Anthony Neilson für die Bühne des Wallgraben Theaters eingerichtet – und bereitet dem Publikum damit zwei unterhaltsame Stunden, voll von absurden Missverständnissen, überdrehten Slapstick-Einlagen und schwarzhumoriger Komik.

Wer Besinnliches zum Weihnachtsfest erwartet, der sei gewarnt: Auf der Wallgraben-Bühne geht es wild, derb und chaotisch zu. Dafür sorgt zum einen das merkwürdige Polizisten-Pärchen Gobble und Blunt (zum Brüllen komisch: Hans Poeschl und Andreas Sindermann), das an Dick & Doof erinnert und mindestens in ebenso viele Fettnäpfchen tritt, wie seinerzeit das berühmte Komiker-Duo Laurel und Hardy. Die Conners nämlich glauben, ihr seit einer Woche verschollener Labrador Mifty sei das zu beklagende Opfer – und Gobble und Blunt sind einfach nicht in der Lage, die Wahrheit zu sagen.

Zumal ihnen Gronya (Sybille Kleinschmidt) im Nacken sitzt, eine Mischung aus schwer bewaffneter Punk-Lady und ordinärer Wutbürgerin, die angetreten ist, die Pädophilen in der nicht näher benannten Stadt im Königreich auszumerzen, und die im Laufe des Stücks alle Herren auf der Bühne verdächtigt. Keine leichte Situation für die Conners in ihrem eigenen, mit britischem Charme eingerichteten Wohnzimmer, möchte man meinen – doch die geistig verwirrte Garson (Lisbeth Felder) und ihr herzkranker Gatte Balthasar (Peter Haug-Lamersdorf) leiden längst nicht so, wie man vermuten könnte. Britischer Humor eben. Da ist es kein Wunder, dass auch der Pfarrer (Burkhard Wein) sein Fett abbekommt und ebenso zeitweise im unvermeidlichen Schrank landet, wie Gronyas Tochter Carol (Elena Weber) in der Truhe.

Präsenz und Präzision der Darsteller machen aus der skurrilen Vorlage ein temporeiches Verwechslungsspiel mit allen notwendigen Zutaten: Running gags, dramaturgische Verzögerungen und Verwechslungen. Das Premierenpublikum nimmt auch die aberwitzigsten Wendungen mit Gelächter und Schenkelklopfen hin – und bedankt sich für bei den Schauspielern mit viel Applaus. "Wir sind ein Spielball der Ereignisse", beklagt Polizist Blunt einmal. Im Theater darf das ruhig einmal so sein!
– Weitere Termine bis Ende Januar. BZ-Kartenservice  0761/4968888.

von: Heidi Ossenberg

Unwiderstehlich BZ 16. November 2010

Verstehen und Missverstehen

Im Freiburger Wallgraben Theater hatte das Kammerstück "Unwiderstehlich" Premiere.

Zugegeben, die Texte der deutschen Rockband Rammstein sind mir nicht vertraut. Deswegen habe ich auch "Du – Du hasst – Du hasst mich" verstanden, als die Stimme von Leadsänger Till Lindemann aggressiv den Zuschauerraum des Freiburger Wallgraben Theaters bebrüllt. Wie sich später herausstellt, geht es aber gar nicht um Hass. Die Zeilen heißen: "Du – Du hast – Du hast mich – Du hast mich gefragt – Du hast mich gefragt, und ich hab nichts gesagt." Ein Missverständnis – aber ganz sicher eines, mit dem sowohl die Berliner Hardrocker wie auch Regisseurin Heidemarie Gohde in dem grandios vielschichtigen Kammerspiel "Unwiderstehlich" des Franzosen Fabrice Roger-Lacan bewusst spielen.

Der Zuschauer wird noch öfters an diesem überaus spannenden, manchmal beklemmenden, immer wieder auch rasend komischen Abend in die falsche Richtung geschickt. Und mit Sprache – mit Verstehen oder eben Missverstehen – hat das eigentlich immer zu tun. Denn es geht – wenn auch nicht um Hass, so doch um zwei andere starke Gefühle: Um Eifersucht und Liebe. Jeder im Publikum weiß wohl, was da alles falsch laufen kann!

Die namenlosen Protagonisten dieses Dramas sind ein Anwalt (Hans Poeschl) und eine Lektorin (Regine Effinger). Seit vier Jahren sind sie verheiratet – und sie lieben sich. Glücklich allerdings sind sie nicht, denn er ist eifersüchtig. Krankhaft, obsessiv eifersüchtig und obendrein, wie er selber einmal sagt: "Ein paranoider Waschlappen". Das Stück beginnt harmlos, als sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt, wo er im Tennisdress sein Plädoyer in einem gruseligen Tötungsdelikt vorbereitet: Ein Mann hat seine Frau getötet – und die Leiche verspeist. Aus Liebe, ist der Anwalt überzeugt...

Eigentlich ist das Paar verabredet, gemeinsam ins Theater zu gehen, doch dazu kommt es nicht. Denn er will wissen, wie der Tag mit dem von ihr doch so verehrten Schriftsteller (und Frauenheld) war, der seinen nächsten Roman in ihrem Verlag herausbringt. Sie gibt zu, dass sie den Autor "ziemlich unwiderstehlich" findet, aber eben nur "ziemlich" – und überhaupt hat sie eine Einladung zum Essen abgelehnt, nicht zuletzt, weil sie ja mit ihm verheiratet ist.

Die Ehe ist "vermodert"

Was nun folgt, ist ein Dialog, wie er absurder und perfider – aber auch realistischer und menschlicher kaum sein kann. Er redet sich (und sie) immer tiefer in den Wahn hinein, sie habe ein unwiderstehlich sexuelles Verlangen nach dem Schriftsteller, das sie sich nur aus Pflichtgefühl verkneife, weil sie ja zufällig mit ihm verheiratet sei. Solche Verhaltensweisen seien untrügliche Zeichen ihrer "vermoderten Ehe". Sie versucht es erst mit Vernunft, steht jedoch bald mit dem Rücken zur Wand, sieht sich genötigt, sich zu verteidigen, obwohl sie auch immer wieder seine "Taschenspielertricks eines Anfänger-Anwalts" erkennt. Es ist ein Genuss, den beiden Vollblutschauspielern Effinger und Poeschl bei dieser Auseinandersetzung, die nicht nur verbal ausgetragen wird, zuzusehen. Fast sichtbar stieben die Funken von Verletzlichkeit, Verzweiflung, Wut und Angst von der Bühne ins Publikum.

Apropos Bühne – es ist Zeit, das kluge Bühnenbild von Nathalie Michel zu erwähnen, auch, damit nicht zu viel vom weiteren Verlauf des Abends verraten wird, der noch feine wie plakative Wendungen bereit hält – und absolut kein Horror-Ende! Die Wohnung, in der sich die Tragikomödie abspielt, ist ganz in schwarz und weiß gehalten. Die meisten Möbel sind aufgemalt, was an eine eine Comic-Kulisse erinnert. Doch verbergen sich hinter manchen aufgemalten Gegenständen auch tatsächliche Schubladen oder Kleiderhaken, scheint durch die aufgemalten Jalousien doch (echt) gebrochenes Licht. Die Klarheit des Raumes auf den ersten Blick widerspricht diametral der Unordnung in der Gefühlswelt des Paares, der immer wieder aufgebrochene Schematismus entlarvt zugleich des Anwalts Argumentation, die niemals aufgeht. Was aufgeht, ist das Konzept der Regisseurin, die sich auf die Stärke des Dialogstücks wie auf das Vermögen ihrer beiden Schauspieler, den Spannungsbogen über zwei Stunden zu halten, absolut verlassen kann. Großer Premierenbeifall.

Von Heidi Ossenberg

Die ganze Welt

Badische Zeitung

vom 29. März 2012 von Heidi Ossenberg

Lieber eine Kur machen

Hans Poeschl bringt Theresia Walsers und Karl-Heinz Otts Stück "Die ganze Welt" auf die Bühne.

Ob in Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" oder in Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?": Paare, die zu zweit allein sind und deren Lebenslügen vorzugsweise dann implodieren, wenn ein anderes Paar zugegen ist, sind Theaterbesuchern vertraut. Im Publikum amüsiert man sich über sie, oft ist es ein befreiendes Lachen, auch ein feines, wissendes Schmunzeln, doch hin und wieder auch ein entsetztes Aufschreigelächter: Letzteres, wenn man sich durch Worte und Gesten auf der Bühne erkannt fühlt im eigenen Alltag mit dem Menschen, den man liebt – oder zu lieben glaubt.

Die Bandbreite dieser Reaktionen war jetzt auch im Wallgraben-Theater zu beobachten bei der Premiere von "Die ganze Welt". Das gemeinsame Stück des Freiburger Schriftstellerpaars Theresia Walser und Karl-Heinz Ott ist im Herbst 2010 im Nationaltheater Mannheim uraufgeführt und nun von Hans Poeschl mit feinem Humor, angemessenem Furor und guter Darstellerführung auf die Kellerbühne gebracht worden.

Im ersten Akt sind Regina und Richard allein auf ihrer von einer hellen, mit Efeu bewachsenen Mauer begrenzten Dachterrasse. Sie sind von den Nachbarn eingeladen, jedoch froh, diese Einladung ausgeschlagen zu haben: Die Ärztin und der freie Schriftsteller mögen sich nicht mehr mit den verbalen Belanglosigkeiten Dritter belasten, zumal, wenn diese mit Bier und Nudelsalat serviert werden. Ihre Lösung ist einvernehmlich-pragmatisch: "Inzwischen sagen, wir, wenn wir eingeladen werden: Wir machen eine Kur." Doch im zweiten Akt kommen die Gastgeber Tina und Dolf, die im selben Haus wohnen, einfach rauf und nötigen Regina und Richard, Schnitzel, Salat und Rotwein zu konsumieren – und darüber hinaus Zeugen diverser Beichten zu werden: Affären, Phantasien, Vorurteile. Im dritten Akt schließlich sind Regina und Richard wieder allein – und doch sind Tina und Dolf mit anwesend, denn die Figuren spielen die ganze Zeit mit allen Identitäten: subtil, intelligent, körperbetont und dabei sprachlich auf höchstem Niveau.

Walser und Ott haben mit ihren vier Figuren zwei nahezu ideale Gegensatzpaare erdacht, die im Wallgraben-Theater von vier dafür ideal besetzten Schauspielern verkörpert werden: Regine Effingers Ärztin Regina ist lebensklug, dominant und leidenschaftlich – angesichts der Krebserkrankung von Richard, die sie ihm verheimlicht, aber auch zweifelnd, weich. Wenn sie Richard erzählt, dass in Japan glückliche Paare schweigen, so thematisiert sie damit, worum es in dem Stück geht: um Nähe und wie sie zwischen Menschen zustande kommt, um den Wert von Kommunikation und Ritualen. Sybille Denkers Tina hingegen ist naiv, dreist und schwatzhaft. Ihre Art zu kommunizieren drückt sie mehrfach in dem Satz aus: "Ich muss immer alles sagen, sonst krieg ich Krebs." Also schwadroniert sie von ihrer Affäre mit ihrem Zahnarzt und macht aus ihrer Abneigung gegen Kinderlose – wie es vermeintlich Regina und Richard auch sind –, deren Egoismus der Staat nicht einmal bestraft, keinen Hehl.

Michael Schmitters Richard ist ein großer Schmerzensmann mit messerscharfem Verstand. Er genießt das Spiel mit seiner Partnerin – obwohl er ihr im Alltag oft unterlegen ist. Ein Würstchen schließlich ist Peter Haug-Lamersdorfs Dolf. Lächerlich schon wirkt die Reduktion seines Namens Rudolf – und auch seine Männlichkeit fällt zusammen, wenn er zugeben muss, dass er seine Frau schlägt.

Hans Poeschl hat sich in diesem dialogbetonten Stück klugerweise für die zusätzliche Dimension der Körperlichkeit entschieden: Das vertieft die Dynamik und hält den Spannungsbogen in diesem 80-minütigen Kammerspiel aufrecht, das wunderbar auf die Wallgraben-Bühne passt. Weil es ein gutes Stück ist, weil alle Beteiligten daraus eine beeindruckende Ensembleleistung machen. Langer Beifall mit Bravo-Rufen!

DAS MUSICAL: Der kleine Horrorladen

Badische Zeitung vom 16. Juli 2011

Das Schild mit der Aufschrift "Bitte nicht füttern" kennt jeder. Dass diese Aufforderung nicht nur für Tiere, sondern – sofern einem das eigene Leben lieb ist – auch für ganz bestimmte Pflanzen gilt, weiß jeder, der schon im "Kleinen Horrorladen" gewesen ist. In Deutschland, wo die Geschichte um die Menschenblut trinkende Blume 1986 erstmals gezeigt wurde, ist sie eins der am häufigsten aufgeführten Musicals. Das Freiburger Wallgraben Theater suchte Alan Menkens und Howard Ashmans skurrile US-amerikanische Musikkomödie nun für die 36. Rathaushofspiele aus, Martin Schurr brachte sie mit viel Tempo, überdrehtem Witz und einer engagierten Truppe von Schauspielern und Musikern auf die Bühne.

Die Skid Row ist nicht gerade eine bevorzugte Wohngegend in irgendeiner amerikanischen Großstadt. Vor Mr. Mushniks Blumenladen liegt ein Obdachloser, und auch diejenigen, die ein Dach über dem Kopf haben, werden vom Glück nicht gerade verfolgt. So verirrt sich in Mr. Mushniks Blumenladen nie ein Kunde, was unweigerlich dazu führt, dass seine Angestellten Seymour und Audrey bald ohne Job dastehen werden. In allerletzter Minute schleppt Seymour ein ungewöhnlich aussehendes Pflänzchen in einem Topf an, das der Hilfsflorist einem alten Chinesen während einer Sonnenfinsternis abgekauft hat. Seymour nennt es nach seiner heimlich Angebeteten Audrey Zwo – doch von der scheuen Zurückhaltung ihrer Namensgeberin, die von ihrem Freund, dem sadistischen Zahnarzt Orin, gequält wird, hat die Horrorpflanze so ganz und gar nichts. Nur Seymour kennt ihr Geheimnis: Er füttert sie mit seinem eigenen Blut.
Weil Audrey Zwo dank dieses Zaubertranks wunderbar wächst und gedeiht, wird sie die Attraktion des Ladens, der sich vor Kunden nun kaum noch retten kann. Es braucht nicht viel Fantasie, sich auszumalen, wie die Geschichte weitergeht: Audrey Zwo wird immer unersättlicher, Seymour geht das eigene Blut aus, und er ist gezwungen, sich in der unmittelbaren Nachbarschaft nach Nahrung für das Monster umzusehen.

Die hanebüchene Geschichte kann kein Happy End haben – und es ist gut, dass der Regisseur sich gar nicht erst um eine weichgespülte Schlussvariante bemüht hat. Solchermaßen hat Martin Schurr das ganze Musical von dem Schmelz befreit, der bei der Verfilmung von Roger Corman aus dem Jahr 1960 noch im Vordergrund stand. Audrey singt zwar immer noch mit Inbrunst von ihrem Traum, mit Seymour ein Häuschen im Grünen zu teilen ("mit Gardinen auch auf dem Gästeklo"), doch Stefanie Verkerk spielt sie nicht als quietschendes Trutscherl, das kaum ein Bein vor das andere setzen kann. Auch Jirka Sova, der mit seinen Vielfachqualitäten als Schauspieler, Pantomime, Musiker und Tänzer glänzt, legt seinen Seymour weitaus weniger tolpatschig an als so mancher seiner Vorgänger in der Rolle – dafür ist er ein ehrlich Verzweifelter, der so lange auf der Schattenseite des Lebens stand, dass er den Versuchungen von Ruhm und Ehre nun einfach nicht widerstehen kann.

Schlichtweg klasse ist das musikalische "Beiwerk" auf der mit wenigen wandelbaren Elementen bestückten Bühne: Nicole Haas, Juliane Hollerbach und Stefanie Verkerk als schrille Sängerinnen in irrwitzigen Kostümen sind herrlich komisch und von ebenso beeindruckender Musikalität wie Sascha Bendiks, der ein ums andere Mal die E-Gitarre quält – aber auch als Audrey Zwo eine furchterregend gute Figur macht. Begeisterter Applaus.  (BRZ, Heidi Ossenberg)