Kritiken

Besuch bei Mr. Green von Jeff Baron

Badische Zeitung vom 14.12.2004

Tevje in New York - "Besuch bei Mr. Green": Ein Stück für Heinz Meier am Wallgraben-Theater Freiburg


Mr. Green und der Milchmann Tevje sind sich nie begegnet - und doch würden sie sich auf Anhieb verstehen. Vielleicht liegt' s an der Provenienz der beiden, der (tragisch untergegangenen) ostjüdischen Welt des "Schtetls". Jedenfalls hat der New Yorker Autor Jeff Baron mit seinem Bühnenstück von 1996 "Besuch bei Mr. Green" an die Geschichten des Scholem Alechem (den meisten bekannt durch das Musical "Fiddler On The Roof - Anatevka") vermutlich ganz bewusst angeknüpft. Für beide, Green und Tevje, gilt der Primat der Religion. Um derenthalben haben die beiden Traditionalisten (oder sollte man besser sagen: Sturköpfe?) sogar ihre Töchter verstoßen, weil sie sich mit einem Goi, einem Christen, eingelassen haben. Die Gesetze auf den Kopf stellen? Nein.


Heinz Meier wäre vermutlich auch ein guter Tevje. Aber er ist Mr. Green. Die Rolle des vereinsamten New Yorker Witwers, der plötzlich und unfreiwillig Gesellschaft von einem jungen Mann bekommt, wohlgemerkt nur weil dieser vom Richter dazu als "Sozialdienst" verdonnert worden ist, könnte für den Prinzipal des Wallgraben-Theaters geschrieben worden sein. "Ich komme her, um ihnen zu helfen", sagt Ross Gardiner, der sonst Erfolgsverwöhnte, der Green mit seinem Auto angefahren hat. Und dieser blafft zurück: "Wobei?" In Tevjes Weltbild nähme sich das freilich fatalistischer aus: "Was ist des Menschen Vorzug vor dem Vieh? Nichts." Doch "Besuch bei Mr. Green" ist kein europäisches Stück, in dem sich die beiden Charaktere systematisch zerstören. In gehobener amerikanischer Boulevard-Manier parlieren sie miteinander, entwickeln aus der anfänglichen Abneigung Sympathie und irgendwann sogar Verständnis. Etwas wenigstens. Die Dialoge sind pointiert, manchmal richtig witzig, und auch wenn die Dramaturgie des Zweipersonenstücks mit ein paar Unglaubwürdigkeiten (so dem allzu glatten Happy End) gespickt ist, möchte man gerne über diese hinwegzusehen. Wegen der emotionalen Nähe, die Robert Klatts Regie ebenso fokussiert wie Stefanie Kunerts Ausstattung. Und vor allem wegen der beiden Akteure, die diese so überzeugend ausstrahlen. Meier schlurft über die Bühne, grantelt, schimpft, um dann wieder ganz in der Illusion der Erinnerung zu versinken: Jetta, seine Frau, und er - "wir haben nie gestritten". Je tiefer die Seelenabgründe sich in ihm - Green-Meier - auftun, desto hinreißender wird sein Spiel. Das gilt auch für den Jungen: Jörg Nadeschdins Sonnyboy Ross gewinnt in dem Maße an Konturen, in dem er die Kratzer an seinem heilen Weltbild offeriert. Gardiner ist ein Gutmensch, möglicherweise allzu modellhaft. Aber so kurz vor Weihnachten dürfen die Botschaften im Theater auch einmal ganz eindeutig sein. Zumal wenn sie so berühren wie an diesem Abend. (Alexander Dick (BZ))


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