Kritiken

Kleine Eheverbrechen von Eric-Emmanuel Schmitt

Badische Zeitung vom 05.11.2005

Ist Liebe möglich?

Es ist ein altes Motiv, das schon viele Schriftsteller entzündet hat: ein Mann verliert sein Gedächtnis und kann sich von nun an neu erfinden, ein ?erwachsenes Neugeborenes? sein. Wer wünschte das nicht: einen Nullpunkt, von dem man sein festgefahrenes Leben verlässt und alles noch einmal neu entscheidet. Bei Gilles und Lisa in ?Kleine Eheverbrechen? ist es jedoch zunächst die Frau, die nach dem ?Unfall? ihren Mann neu ?recycelt?: in einen, den sie sich schon immer gewünscht hat. Einen treuen, Tee trinkenden Traummann, der Boutiquen liebt und ein wenig eifersüchtig zu Hause wartet. Doch natürlich ist alles ganz anders. Der sensible Erfolgsautor Eric-Emmanuel Schmitt hat mit seinem 2003 in Paris uraufgeführten Kammerspiel brillant und berührend die Probleme langjähriger Partnerschaften erfasst: wie sehr mit der Gewöhnung die Lust auf den anderen verschwindet, wie sehr man ihn zu kennen glaubt, sich träge in Vertrautheit einrichtet, aber genau dort das Liebesende lauert. Und dass man sich in vielem einen anderen gewünscht hätte und sich die Spannung der Fremdheit zurückwünscht, die zugleich unmäßig erschreckt.


Neue Funken der Erotik ? aber auch ganz neue Abgründe


Nach der Amnesie von Gilles schlägt zwar die Erotik neue Funken ? aber ganz neue Abgründe tun sich auf. Ein perfekt geeignetes Stück für das bewährte Schauspielertheater im Wallgraben, bei dem Regine Effinger und Sebastian Hufschmidts Schlagabtausch sprüht vor Glanz und Witz, als wäre er für sie geschrieben. Nichts ist, wie es scheint, alle paar Sätze ändert sich die Ausgangslage, suggestiv und rasant laufen in 80 Minuten mehrere Rollenwechsel ab, umkreist und belauert sich das Paar. Leidet Gilles wirklich unter Gedächtnisverlust? Wer ist stärker, wer lügt, wer liebt wen mehr, und wer wollte wen eigentlich umbringen? Wie in einem Krimi erforscht der Zuschauer die Gemengelage der beiden Großstädter in gut geschnittenen Edelanzügen, in der Wohnung mit den japanischen Wänden und pittoresk-unheimlichen Schatten an der Wand (Bühne und Regie: Robert Klatt). Hinter der ordentlichen Mittelstandsehe lauert es dunkel, hinter dem leichtzüngigen Feuerwerk ergeben sich schwerwiegende Fragen. Ist Liebe möglich? Oder erstickt sie in Dumpfheit, wenn man sie nicht durch Lüge, Eifersucht und Manipulation in zweifelhafter Lebendigkeit hält?


Können Mann und Frau je ebenbürtig sein, soll man sich je ganz auf einen anderen einlassen ? oder verwandelt echte Liebe in ein unkontrollierbares, bedürftiges Monster? Ist für die Liebe Verlust von Erinnerung oder radikale Ehrlichkeit besser, ist sie überhaupt neu zu (er)finden? Gilles vermeintlicher Gedächtnisverlust wird zum Vorwand, die Paarbeziehung neu zu definieren ? und deckt dabei ihre tödlichen Gewohnheiten auf. Sebastian Hufschmidt gibt einen intellektuellen Lebemann, souverän und sexy; dass er nicht treu war, weiß man, bevor er es indirekt zugibt. Regine Effinger ist nervös und scharfsichtig, mit Hang zu Hysterie und (Alkohol-) Exzess ? dass sie nicht so stark ist, wie sie tut, ist in ihrer Spielweise wunderbar angelegt. Es ist ein äußerst kurzweiliger und doch schwergewichtiger Abend, in dem Schauspielkunst, boulevardhafte Leichtigkeit und Tiefgang zu einer selten gelungenen Einheit finden. (Dorothea Marcus, BZ)


Mit Büchern die Welt verändern
Eric-Emmanuel Schmitt (2): Ein Besuch in Freiburg

Es war ein Zufall, aber dafür umso schöner: Einen Tag, bevor im Wallgraben- Theater Eric-Emmanuel Schmitts Stück ?Kleine Eheverbrechen? aufgeführt wurde, kam der Bestsellerautor zur Lesung seines neuesten Buchs ?Das Evangelium nach Pilatus? nach Freiburg ? und eilte sogleich in das kleine Kellertheater, um die elegant französisch sprechende Regine Effinger zu begrüßen. Denn Schmitt, der zu den 15 meistverkauften Autoren der Welt gehört, hatte seine Liebe zum Theater lange, bevor er seine berühmten Romane schrieb. ?Früher habe ich gedacht, dass es mehr Spaß macht, Theaterstücke zu schreiben?, erzählt der sanfte 45-Jährige mit weißem Haarkranz, der stets einen schwarzen Anzug trägt und sinnlich und lebenslustig aussieht, ?es sind Krisen, die auf der Stelle zu einer Lösung kommen ? die Romane entwickeln sich dagegen über lange Zeit.? Er lässt sich durchs Haus führen, begutachtet fachmännisch das Bühnenbild und setzt sich ? ein wenig Eitelkeit muss sein ? in derselben Pose vor den Theatereingang, in der einst Ionesco dort fotografiert wurde.

Schmitt gilt seit ?Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran? als ein Vermittler zwischen den Religionen. Die Geschichte, wie ein arabischer Krämer einem jüdischen Jungen den Islam nahe bringt, rührte weltweit zu Tränen und wurde mit Omar Sharif verfilmt. Mittlerweile wird es sogar in Tel Aviv im Theater gezeigt, abwechselnd auf Arabisch und Hebräisch: eine aktive Friedensbotschaft. ?Ich gehöre zu den Verrückten, die glauben, dass Bücher die Welt verändern?, sagt er und lächelt unnachahmlich selbst- versunken, ?eigentlich nützen sie nichts, aber man kann sie benutzen?. Sich selbst würde Schmitt nicht ?religiös? nennen, sondern vielmehr ?gläubig?. Ein Mystiker, der sich bisher keiner Kirche angeschlossen hat ? aber gerne von Protestanten und Katholiken gebucht wird. ?Für Katholiken ist es skandalöser, mich einzusetzen, aber es gelingt ihnen trotzdem besser?, lacht er.


Harte Kost für die katholische Kirche, wenn Schmitt im ?Evangelium nach Pilatus? die Jungfräulichkeit von Maria bezweifelt und den Verräter Judas rehabilitiert. Es ist Schmitts brisantestes Buch. Wie ein Altar besteht es aus drei Teilen: Im ersten erzählt ?Joshua? aus Nazareth von seinem Leben ? von Jesus in der Ich-Form zu schreiben, hat sich noch kaum ein Schriftsteller getraut. Im zweiten erzählt Pilatus von der Verurteilung Jesu ? und im dritten passiert etwas ganz Unerhörtes. Denn Schmitt wurde kurz vor seiner Vollendung der Computer gestohlen, mitsamt Sicherungsdisketten. ?Ein Geschenk?, sagt er heute, denn er schrieb das Buch in einem Rutsch noch einmal. ?Seitdem schreibe ich immer so schnell?, sagt er, ?der Unglücksfall hat mir den Sinn für Dringlichkeit gegeben?. Im dritten Teil ist nun das Schreibtagebuch Schmitts abgedruckt, seine philosophischen Gedanken und Zweifel. Man erhält einen inspirierenden und intimen Eindruck in seinen Schaffensprozess. (Dorothea Marcus, BZ)


Wallgraben Theater
Das kleine Schauspielhaus in Freiburg

Wallgraben Theater

Rathausgasse 5a
79098 Freiburg