Kritiken

"Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von Edward Albee

Badische Zeitung vom 07.03.2008

Mit diesem Schauspielerpaar unbedingt sehenswert!
(Stefan Tolksdorf, BZ)

Lieben sie sich noch, und haben sie sich je geliebt? Wer am Sinn und Zweck der Ehe zweifelt, bekommt von diesen fatalen Sparrings-Partnern das letzte K.o.-Argument geliefert - und darf sich bei "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" aufs beste und böseste unterhalten. Die anderen dürfen sich freuen, von diesem Punkt (hoffentlich noch) weit entfernt zu sein. Rot ist die Bühne, des Freiburger Wallgraben- Theates, feuerrot. Nur das Curacao- Blau der pompös gestaffelten Alkoholika im Hintergrund setzt eine kühle Nuance: Feuer und Eis.


Zwischen diesen Polen eskaliert der Ehekrieg von Marta und George in einem Collegestädtchen irgendwo weit abseits vom "American Dream", kommt es zu einem mehr oder minder infantilen Hauen und Stechen um das Motiv eines verballhornten Kinderlieds: "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" Das gleichnamige Kammerstück des US-amerikanischen Dramatikers Edward Franklin Albee - 1962 uraufgeführt, und bisher sein bestes - ist spätestens seit der Verfilmung mit dem genialen Duo Elizabeth Taylor und Richard Burton zum Synonym der Ehehölle geworden. Ein Bühnenklassiker, der seinem Autor, der am kommenden Mittwoch 80 Jahre altwird, saftige Tantiemen einspielt.Anatol Preissler inszeniert den brillanten Dauerbrenner jetzt in Idealbesetzung: Die sphinxhafte Regine Effinger gibt die ihre Aggressivität stetig steigernde Martha, ihr Bühnen- und Lebenspartner Hans Poeschl den lustvoll zumSchlappschwanz degradierten, schließlich zum finalen Schlag ausholenden Gatten George - in Haltung und herrlich zerquältem Gestus unweigerlich an Richard Burton erinnernd. Sarah-Jane Jansen und Otto Beckmann als jugendliche Partygäste und Pendant zumalternden Ehepaarwirken dagegen zunächst leicht hölzern, finden nach der Pause aber mühelos in die ihnen bestimmten Schlachtopferrollen (George: "Man braucht ein Schwein, um die Trüffel zu finden"). Wenn der Part des Alkohols schon rein optisch nicht zu unterschätzen ist, darf der mal schallend lachende mal betreten schweigende Zaungast dieses Ehedramas doch davon ausgehen, dass es sich - so oder anders - ständig wiederholt. Denn nur als pointensichere Tragikomödie ist den beiden das Zusammenleben überhaupt noch erträglich (George: "Martha und ich trainieren unseren Verstand").


Diese böse Freude am sarkastischen Schlagabtausch kosten die beiden Hauptdarsteller nach Kräften aus, so dass die Funken nur so fliegen. Dabei steht hinter ihren Figuren kaum verhohlener Selbsthass: Martha, Tochter des College-Präsidenten, definiert sich allein über ihren Mann, einen frustrierten Geschichtslehrer, der ihre Erwartungen nicht zu erfüllen vermochte - und ertrinkt ihre Angst vor dem Alter imAlkohol. George hat seine Hoffnung auf eine Gegen-Existenz als Romanautor begraben und sieht sich auf die masochistische Eherolle reduziert - nur als wortgewandter Sarkast und als Erfinder eines gemeinsamen Sohnes hält er die Fäden noch in der Hand. Doch auch die nächtlichen Gäste, der gut gebaute Biologiedozent Nick und seine heillos naive Frau, genannt Schatzi, bersten förmlich vor Neurosen - auch ihre Ehe basiert auf Verlogenheit. Schnell geraten sie von zufällig ausgewählten Zuschauern zu Mitakteuren jener Zimmerschlacht, die am Ende nur Verlierer kennt. Sind die ausgefeilten Verletzungsorgien nur Rituale gegen die tödliche Selbsterkenntnis und mörderische Langeweile zu zweit - verdrängte Todesangst? Von alldem spricht Regine Effingers Gesicht. Neben sarkastisch funkelndem Wortwitz liegt die Stärke dieses Stücks in seiner Irritationskraft: Wahrheit und Fiktion verschwimmen in den Dialogen zur Unkenntlichkeit. Was bleibt, ist der Schmerz darüber, dass es ein wahres Leben im Falschen nicht geben kann.




Wallgraben Theater
Das kleine Schauspielhaus in Freiburg

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