Kritiken

Die sieben Todsünden! von Bea von Malchus

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Badische Zeitung vom 21.10.2009

Wie gern hätte man diese Frau im heimischen Wohnzimmer sitzen. Im dunkelgrünen Ohrensessel würde man ihr einen Stammplatz einräumen, bevorzugt an nasskalten Herbstabenden und Samstagen mit lausigem Fernsehprogramm. Denn Bea von Malchus kann Geschichten erzählen wie keine Zweite.

Ein Abend mit der Solokünstlerin ist, als würde man die dicke Staubschicht vom Deckel eines Buches blasen, die ersten Seite aufschlagen und eintauchen in die Welt, an die man noch eine ferne Erinnerung hat, irgendwann damals, als man mit der Taschenlampe und einem Abenteuerroman unter die Bettdecke gekrochen ist. Dass Bea von Malchus diese kindliche Vorstellungskraft mit aller Macht wieder ins Hier und Jetzt holen kann, hat sie ganz aktuell mit der Premiere ihres neuen Stückes "Die 7 Todsünden" im Freiburger Wallgrabentheater eindrucksvoll gezeigt – wieder einmal.

 


Vor ausverkauftem Haus bedient sich die zierliche Schauspielerin nur eines einzigen Requisits, um Männer und Frauen in die Spätantike, genauer: ins Ägypten des 3. Jahrhunderts zu versetzen. Golden glitzert ihr langer Frack auf der einen Seite. Wendet sie ihn, brüllt dem Zuschauer tiefes Blutrot entgegen. Mehr braucht Bea von Malchus nicht, um ihre Geschichte zu erzählen. Und die geht so: Der Waise – mit ai – Anton möchte gern weise – mit ei – werden und holt sich dafür Rat bei dem populärsten Eremiten seiner Zeit, Vater Lucius. Der ist ein Rauhbein mit Herz, raucht Kette und hat eine Schwäche für Kraftausdrücke und saftige Heavy-Metal-Klänge. Der naiv-gewiefte Anton ist sein zweiter Schüler, Nummer eins – der schwule und masochistisch veranlagte Sebastian träumt von einem samtfarbenen Pfirsichblazer und wohnt noch bei der geizigen Mutti – reagiert entsprechend eifersüchtig. Eingebettet in Vater Lucius’ Lektionen und Geschichten, die er den Buben beim Würstchengrillen erzählt, hat Bea von Malchus die sieben Todsünden, sie räumt ihnen mal mehr, mal weniger Raum ein.


Grandios ihre Parodie auf eine "typische" Alnatura-Kundin, die auf der Suche nach dem Spitzwegerichtee und ihrem spirituellen Selbst hin und wieder die Contenance verliert angesichts all der unerleuchteten Mitmenschen, die sie nicht einmal mehr grüßen im Naturkostsupermarkt. Die Dame rettet sich hochmütig in die gesungene Erkenntnis, dass lediglich ihr Bessersein sie isoliere – und spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass von Malchus einfach das Fach wechseln kann, wenn es sie nicht mehr reizt, an einem Abend mehr als zwei Dutzend Personen allein mittels variierender Stimme, Mimik und Gestik lebendig werden zu lassen. Sie kann nämlich singen, und wie. Vom rauchig gehauchten Chanson bis zum derben Rockersong kommt ihr alles über die Lippen und verleiht den alten Todsünden frischen Pepp.


Respektlos und klug mixt Bea von Malchus das eine mit dem anderen, knüpft Verbindungen zwischen dem faulen und erfolgreichen Abel, einem sich wehmütig erinnernden Casanova und der zornigen, rachsüchtigen Medea. Klein Anton wird sündenfrei groß und verkündet am Ende seine Botschaft: "Jeder ist Wunder und Würstchen zugleich."


Wallgraben Theater
Das kleine Schauspielhaus in Freiburg

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