Kritiken

Gretchen 89 ff. von

Badische Zeitung vom 30.05.2007

"Jetzt lass die Figur weg!"

"Gretchen 89ff" im Freiburger Wallgraben Theater: Lutz Hübners satirischer Blick in die Regie


Man kennt ihn allzu gut, ja teilt ihn vielleicht insgeheim, den Stoßseufzer der alten gutsituierten Dame zu Beginn der Vorstellung: "Hoffentlich spielen sie?s so, wie?s ist!" Aber wie ist es denn nun eigentlich?


Mit dieser berechtigten Frage lässt Lutz Hübner seine fidele Nummernrevue aus dem Backstage-Alltag der deutschsprachigen Bühnen beginnen. Zum Beispiel: beim Faust 1, "Gretchen 89ff" - so der Titel des Stücks, das im Freiburger Wallgraben Theater derzeit einen wirklich amüsanten Abend verspricht. Gemeint ist die berühmte Szene, da Gretchen jenes Kästchen voll Geschmeide findet, mittels dessen Faust die Angebetete ködern will. Für die Vergesslichen flimmert vor Aufführungsbeginn die Szene noch einmal in Peter Gorskis legendärer Hamburger Inszenierung an der Längswand herunter: "Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles!" ? Ach ja! Doch wie soll besagte "Schlüssel" -Szene denn nun gespielt sein? Das hängt vornehmlich von den Temperamenten zweier Menschen ab: Regisseur und Aktrice. 80 Minuten lang werden nun acht Varianten dieser Konstellation durchgespielt, wobei - wen wundert's - ein je anderes Stück entsteht.


Es treten auf und in Konflikt: die Anfängerin und der Schmerzensmann, das geile Tourneepferd mit Wiener Schmäh, der notorische Streicher, der Goethes Szene auf drei Sätze runterkürzt, die zickige Diva, die den verunsicherten Regisseur aus dem Probenraum und beinahe zum Wahnsinn treibt, der heillos freudianisch Infizierte und die hyperintellektuelle feministische Dramaturgin, die mit einem arbeitslosen Gretchen vorlieb nehmen muss und an ihm die Geschlechtsumwandlung probt. Nun könnte ein derartiger Szenenreigen leicht ermüden, wäre nicht Lutz Hübner einer der erfolgreichsten deutschen Dramatiker mit sicherem Gespür für Wortwitz und obendrein ein so gewiefter Insider, dass man ihm die exzentrischsten Theaternaturen ohne Wimpernzucken abnimmt; und wären nicht die Rollen mit Claudia Sutter als kniefällige Debütantin, Johann Jakoby als behäbigem Wiener ("Wenn man's im Blut hat, spielt sich's von selbst!" ), Sybille Denker als wuselige Dramaturgin ("Jetzt lass die Figur weg!" ), sowie dem auch Regie führenden Hans Poeschl als verquastem Möchtegernrebellen ("fleischlich denken!" ) nicht derart ideal besetzt. Selbst der schüchterne Hospitant Daniel Séjourné macht in seinem Miniaturpart eine propere Figur. Gewiss, diese witzige Replik auf die versandete Regietheater-Debatte kommt auf leichten Füßen, etwas spät und ziemlich harmlos daher - doch dürften sich Freunde wie Skeptiker der Regiekunst bei diesem Blick hinter Vorhang und Kulisse so köstlich amüsieren wie mancher Schauspieler.


Dacapo! (Stefan Tolksdorf )


Wallgraben Theater
Das kleine Schauspielhaus in Freiburg

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