Kritiken

Wind in den Pappeln von Gérald Sibleyras

Badische Zeitung vom 16.10.2009

Sie haben im Ersten Weltkrieg gekämpft, also hatten sie vermutlich keine Jugend. Sie wurden verwundet an Bein, Kopf oder Seele, also hatten sie wohl wenig Hoffnung auf eine unbeschwerte Zukunft. Und jetzt zieht das Leben an Gustave, René und Fernand vorüber – wie der Wind, der zwar die Pappeln auf dem Hügel gegenüber ihres Altersheims bewegt, auf ihrer Terrasse jedoch niemals ankommt. Sie sind alt, aber immerhin sind sie noch da. Und weil Gérald Sibleyras Stück "Wind in den Pappeln", das am Mittwochabend im Freiburger Wallgraben-Theater Premiere hatte, keine Tragödie ist, ist das ein Grund, froh und kampfesbereit zu sein.


René ist sogar mehr als froh. "Der ist immer glücklich. Wenn der stirbt, wird er eine sonnige Leiche abgeben," knurrt Gustave auf seiner Terrassenbank. Der stets grantelnde Senior ist erst seit sechs Monaten im Veteranenheim und noch ein Revolutionär; Fernand ist seit zehn Jahren und René sogar schon seit einem Vierteljahrhundert hier. Vermutlich deshalb hat letzterer sich so perfekt arrangiert mit der strengen Regentschaft von Ordensschwester Madeleine, deshalb wohl darf er die Gedichte auf die Altersjubilare verfassen. Fernand hingegen hat sich wenigstens noch einen Rest Skepsis bewahrt: Er ist überzeugt davon, dass Schwester Madeleines Herrschaft auf Gewalt gründet und sorgt sich um nichts weniger als sein Leben...
Es ist ein köstliches Trio, das da auf den einfachen Holzsitzen inmitten von viel Grün (Bühne und Regie: Anatol Preissler) Platz genommen hat und rund 100 Minuten lang meckert, träumt, streitet, lügt, angibt und lacht; die alten Herren in Variationen von beigen Hosen und braunen Westen sind den Zuschauern so vertraut wie fremd, so sympathisch wie suspekt. Aber es ist vor allem auch ein köstliches Schauspieltrio, das da auf der Kellerbühne hockt. Johann Jakoby spielt den freundlichen, stets um Etikette und Würde bemühten René, der – stille Wasser sind tief – als einziger noch eine zarte Verbindung zum anderen Geschlecht pflegt. Holger Petzolds Fernand fällt immer wieder glaubwürdig in Ohnmacht, ein Granatsplitter im Kopf ist die Ursache für diese Aussetzer. Ist er bei Bewusstsein, so hält sich der elegante Alte a- liebsten aus den Ränken der beiden anderen heraus.


Sich heraushalten freilich ist Gustaves Sache nicht: Die Rolle des seine Lebensangst meisterhaft versteckenden Grantlers spielt Heinz Meier einfach großartig. Es ist ein Genuss, diesem Schauspieler zuzusehen, wie er sich Zeit nimmt für jede Geste, wie er Gustaves Sätzen in vielen Tonlagen nuancenreich Bedeutung verleiht, wie er selbst schweigend durch seine Präsenz dies geistreich-witzige, melancholisch-poetische Stück vorantreibt. Regisseur Anatol Preissler, dessen Verdienst es ist, sich hier auf pure Schauspielkunst verlassen und allem Schnickschnack eine Absage erteilt zu haben, verrät im Programmheft, er vermute, der französische Autor habe das Stück unbewusst für Heinz Meier geschrieben... Das Publikum dankte dafür mit lang anhaltendem Applaus. (Heidi Ossenberg, BZ)


Wallgraben Theater
Das kleine Schauspielhaus in Freiburg

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